Shopping. Ein Drama in 5 Akten

Wenn Männer Schuhe kaufen, geht das so: rein in den Laden, ein Paar nehmen, anprobieren, zur Kasse gehen, fertig.

Nicht so bei Frauen.

1. Akt: Schuhe, 38 einhalb

„Ich brauche neue Schuhe“, sagte sie. „Willst du mitkommen? Geht ganz schnell! Bekommst auch einen Espresso umsonst!“. So gelockt, schloß ich mich ihr an. Ich gestehe: ich war bis dahin noch nie mit einer Frau Schuhe kaufen.

Im Schuhgeschäft angekommen, wurde ich in einen bequemen Sessel gesetzt und bekam ungefragt einen Espresso serviert, was mich hätte stutzig machen können. Aber Männer sind manchmal so blind!

Zwanzig Minuten später, bekam ich einen zweiten Espresso serviert und sie hatte ihre Auswahl inzwischen auf zwei Paare eingegrenzt, die sie nun mit der Lupe nach Fehlern untersuchte.

„Welches Paar soll ich nehmen?“, fragte sie mich mit diesem leicht verzweifelt- fordernden Unterton, der einer Antwort bedarf. Die Chancen einer richtigen Antwort standen 50:50. Also sagte ich: „Diese!“ und deutete auf das Paar, das mir tatsächlich schöner erschien. Männer sind manchmal so naiv!
„Gut!“, sagte sie. „Dann brauche ich noch eine dazu passende Handtasche…“.

Das Unheil nahm seinen Lauf.

2. Akt: Handtasche, passend

Immer schon hatte ich mich gewundert, warum es in Schuhgeschäften Handtaschen gibt. „Das erklärt sich aus der Historie der Geschäfte!“, versuchte vor Jahren Marcus, mein alter Freund und Trauzeuge, mich zu beruhigen. „Schuhe – Leder, Handtaschen – Leder, ganz einfach.“.

Heute weiß ich: er hat sich geirrt.

Heute weiß ich: Handtaschen und Schuhe leben in Symbiose. Bedingen einander. Kein Schuh ohne Handtasche, keine Handtasche ohne Schuh.

Es bedurfte nur eines weiteren Espresso, bis die Handtasche gefunden war, die tatsächlich nahtlos zu den Schuhen passte. Alle schienen glücklich, als ich mit einem kleinen Löffel den letzten Rest zuckrigen Espresso aus der fast leeren Tasse schabte.

Doch dann sagte die Verkäuferin einen fast banal klingenden Satz, dessen dramatische Bedeutung ich erst eine Stunde später vollständig begreifen sollte: „Ich habe bei Gerry Weber ein Kleid gesehen, das super dazu passen würde…“

3. Akt: Kleid: passend

Ein Kleid zu kaufen scheint für Frauen ein fast sakraler Akt zu sein, der nach einem festen Ritual verläuft und bei dem Männer nur stören.
Deshalb wurde ich – freundlich, aber bestimmt – wieder in einen bequemen Sessel gebeten und bekam einen Espresso serviert. Während ich am Espresso nippte, sah ich wie sie Schuhe sowie Handtasche hervorkramte und mit der Verkäuferin tuschelnd in einer Umkleidekabine verschwand. Kleid auf Kleid wurde herangeschafft und anprobiert und – immer in der gleichen Folge: zuerst frontal, dann Drehung links, Drehung rechts und schließlich, den Hals fast verrenkend, von hinten – vor einem großen Spiegel bewertet.
„Wir sind gleich fertig…“, raunte mir die Verkäuferin zu, als sie mir einen weiteren Espresso brachte.

Mit den beiden finalen Kleid-Kandidaten, eines hellbeige, das andere etwas dunkler beige, schritt sie, mit den neuen Schuhen an den Füßen und der Handtasche über der Schulter, quer durch den Laden und drehte sich jeweils vor mir. „Welches der beiden gefällt dir besser?“, fragte sie. „Sie sind beide schön.“, sagte ich und dachte, ich wäre damit auf der sicheren Seite. „Nie kannst du dich entscheiden!“, rief sie bitter und entschied sich schließlich, etwas unglücklich, für das hellere Beige.

„Warum so unglücklich?“, fragte ich. Das Kleid sehe doch wunderschön aus, das ganze Ensemble aus Schuhen, Kleid und Handtasche, sei doch sehr stimmig.

Die Antwort: „Leider brauche ich jetzt auch noch die passende Unterwäsche dafür!“.

Ich dachte an den laufenden Meter Schublade in ihrem Schrank, voller BHs und Slips, und fragte nur, einer Ohnmacht nahe: „Warum?“.

„Ich habe keinen BH in der passenden Farbe, du Dummkopf“.

„Aber das Kleid ist doch absolut blickdicht! Niemand wird sehen welche Farbe dein BH hat!“

„Aber ich weiß es! Das genügt!“

4. Akt: Unterwäsche: passend

Ich gestehe: ich erröte schnell. Immer. Bei jeder Gelegenheit.

Aber im Dessous-Geschäft hatte ich den Eindruck regelrecht zu glühen, Schweiß brach mir aus, was allerdings ebenso am, inzwischen mehr als leicht erhöhtem Koffeinspiegel gelegen haben mag; denn auch hier wurde mir ein Espresso angeboten. So saß ich, den Blick stets leicht zu Boden gesenkt, in einem – zugegeben – bequemen Sessel, versuchte möglichst neutral zu schauen und so zu tun, als wäre es mir nicht peinlich, Frauen in Unterwäsche zu sehen.

Im Freibad ist es auch nicht anders, sagte ich mir selbst.

Und während ich da saß, durchfuhr mich, wie eine koffein-induzierte Epiphanie, die Erkenntnis, dass Dessous-Geschäfte die Rache der Frauen für Jahrtausende männlicher Unterdrückung sind. Danach verschwimmt der Rest des Nachmittags in meiner Erinnerung.

5. Akt: Finale

Einen Tag später trug sie das neue Ensemble bei einem Spaziergang durch die Stadt.
Wir begegneten einem befreundeten Paar.

„Schicke Schuhe! Tolles Kleid!“, sagte die Freundin bewundernd nach der Begrüßung. Und dann zu ihrem Freund gewandt: „Ich brauche auch dringend neue Schuhe!“.

„Frag nach koffeinfreiem Espresso“, flüsterte ich ihm zu.

Veröffentlicht in Arts

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