Der Po (oder warum ich heute nicht dazu kam, ein Gedicht zu schreiben) Eine Kurzfarce in zwei Akten

Erster Akt:
Als ich in meiner Mittagspause, wie so oft, im Café saß, um Ideen in mein kleines Notizbüchlein zu schreiben, überhörte ich das Gespräch des Paares am Nebentisch.
Während er gelangweilt in der aktuellen Ausgabe der „BILD“ blätterte, erzählte sie ihm erhitzt und immer erregter von ihren Bemühungen durch eine Tätigkeit, die sie „Zumba“ nannte, abzunehmen.

„Nichts hilft!“, rief sie unglücklich. „Und ich passe in keine Jeans mehr!“
„Dein Arsch ist wirklich ganz schön in die Breite gegangen“, sagte er unberührt und blätterte um.
„Mein Arsch ist was…?!“, fauchte sie ihn an.
„…in die Breite gegangen…“, wiederholte er.
Sie sprang auf, stieß dabei den Piccolo um, der – wie ich wusste – bereits ihr Dritter war, und blickte sich, es lässt sich nicht anders beschreiben, wutschnaubend um. Zuerst sah sie in Richtung einer Runde mit drei älteren Herren, die ich für mich „Männerchor“ getauft hatte und die bereits lüstern darauf warteten, was sich als Nächstes ereignen würde, an zwei Damen vorbei, die offenbar tief in ein ernstes Gespräch verstrickt waren, direkt zu mir, der ich mich nur spärlich hinter meinem immer kleiner werdenden Notizbuch verstecken konnte. Sie stapfte, gleich einer Walküre, auf mich zu.
„Finden Sie auch, dass mein Arsch in die Breite gegangen ist?“, herrschte sie mich an.
Ich errötete und brachte vor Schreck keinen Ton hervor.
„Na, was ist?! Wie sieht er aus?“, verlangte sie von mir, drehte sich um und wackelte mit ihrem Po in meine Richtung.
„Normal…“, stammelte ich verlegen und noch mehr errötend. „Er sieht normal aus“, war alles, was mir in diesem Augenblick einfiel.
„Normal?!“, brach es aus ihr hervor. „Normal?! Er ist spektakulär!“, rief sie, griff nach meiner Hand und legte sie auf eine ihrer Pobacken.
„Da! Fühl mal! Spek-ta-ku-lär!“ und klatschte bei jeder Silbe meine Hand auf ihren Po. „Ausziehn! Ausziehn!“, jubelte feixend der Männerchor im Hintergrund.

Der Begleiter der Dame, die sich nun auf meinen Schoß setzen wollte, blickte auf und versuchte unsicher die Situation einzuschätzen.
„Lass meine Frau los, Unhold!“, schrie er mich schließlich an. Natürlich verwendete er nicht das Wort „Unhold“, sondern ein Wort, das in meinem aktiven Wortschatz nicht oder allenfalls in leicht abgewandelter Form als Filmtitel (deutsche Komödie, 2004, Regie: Tobi Baumann; Drehbuch: Oliver Kalkofe, Oliver Welke und Bastian Pastewka) vorkommt. Er sprang auf, stieß den Tisch zurück und kam langsam auf mich zu.
„Jetzt geht’s lo-os, jetzt geht’s lo-os“, sang der Männerchor begeistert.

Ich versuchte, mich von der Dame zu lösen, die im Gegenzug ihre Arme um meinen Hals schlang. Schließlich gelang es mir, sie wie ein Schild vor mich zu halten, um mich vor ihrem Begleiter zu schützen. Er ergriff sie am Arm und bugsierte sie in Richtung Ausgang. „Komm, Mausi, wir gehen!“, rief er und in meine Richtung: „Du Arschloch!“
Während sich die Tür hinter ihnen schloss, hörte ich noch „… dein Arsch ist toll, so wie er ist…“, „…findest du wirklich? nicht zu breit…?“, „…nein, Mausi, er ist toll…“

Zweiter Akt:
Nachdem das Paar gegangen war, brachte mir die Bedienung ungefragt einen Schnaps, den ich nicht ablehnte. Als sie meinen Tisch verließ, wackelte sie kokett mit ihrem Po und fragte über die Schulter: „Na, wie sieht er aus?“
„Spektakulär“, sagte ich.
„Gut…“, sagte sie, „…diese Lektion haben Sie gelernt!“ und lachte.

Veröffentlicht in Arts

2 Kommentare zu „Der Po (oder warum ich heute nicht dazu kam, ein Gedicht zu schreiben) Eine Kurzfarce in zwei Akten

  1. Oh, Peter herzhaft gelacht, während du spärlich versucht hast, hinter deinem kleiner werdenden Notizbuch zu verschwinden. Ich mir vorstellt, wie die Frau deine Hand bei jeder Slibe von spek-ta-ku-lär auf ihren Po klatschen ließ. Dabei hätte ich gern dein Gesicht gesehen. Leicht, amüsant und spritzig geschrieben bis zur Schlusspointe! Gut zum Vorlesen geeignet!

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