Midlife. Ein Essay über Krisen, Scheidungen und andere Einsichten

Oh! Ihr Frauen! Ihr Glücklichen! Ihr werdet im Alter schöner und alles was Ihr in der Mitte Eures Lebens verliert, ist die monatlichen Regelblutung, die Euch – seid ehrlich! – immer genervt hat!
Männer hingegen machen seltsame Sachen in der Mitte ihres Lebens. Sie verlieren Haare; sie entdecken ihre Liebe zu schnellen Autos und jüngeren Frauen; sie steigen aus, lassen sich scheiden, kaufen sich einen Porsche, oder züchten Schafe in Neuseeland.
Ich nicht. Meine Midlife Krise schien anders: Ich hörte ich auf zu rauchen und habe geheiratet.
Tatsächlich: ich war sieben Jahre lang ein verheirateter Nichtraucher.
Wem das zu vernünftig oder spießig scheint: auch bei mir gab es Parallelen zu üblichen Midlife Krisen.
Zum einen war die Frau, die ich heiratete 14 Jahre jünger als ich; das heißt, sie ist es noch; jünger meine ich.  Zum anderen hat mich meine Midlife Krise – inklusive Eheschließung, Scheidung und allem Drum und Dran – in etwa den Gegenwert eines nagelneuen Porsche 911, oder einer Farm in Neuseeland gekostet. Ausserdem sind die wenigen mir verblieben Haare ergraut.
Trotzdem bereue ich – in der Nachschau – diesen Ausflug in die Solidität nicht. Ich habe viel von meiner Ex-Frau gelernt. Sie war – und ist – ein sehr schneller und kluger Denker, viel schneller und klüger als ich. Von ihr habe ich gelernt, mich zu entscheiden. Eine Kunst, die sie auf fast allen Gebieten meisterhaft beherrscht, nur beim Schuhkauf nicht. Ich lernte mit ihr ein fremdes Land kennen, eine fremde Kultur, eine neue Sprache, neue Literatur, neue Musik. Ich lernte den Sinn und Wert von Familie kennen, hatte nette Schwiegereltern, die nur unwesentlich älter als ich waren.
Ich habe viel über mich selbst gelernt, über meine Möglichkeiten und über meine Grenzen.
Woran aber merke ich, wann die Midlife Krise vorbei ist?
Mein Leben scheint nicht ruhiger zu werden, sondern im Gegenteil zu beschleunigen.
Ich mache Dinge, die ich mir in jungen Jahren nicht traute oder nicht leisten konnte; spiele in einer Rockband, die eigentlich den Bandnamen „Fünf alte Männer kaufen teuere Instrumente und üben Musik“ tragen sollte (was allerdings auf kein Konzertplakat passen würde); ich schreibe Gedichte, die ich Jahre zuvor als spätpubertär abgelehnt hätte; ich sitze in sonnigen Cafes und schaue Frauen hinterher; ich würde mir sogar die Haare lang wachsen und zu einem Zopf flechten lassen, sofern ich denn noch Haare hätte.
Klingt nicht wirklich nach überstandener Krise.
„Nichts bleibt wie es war und trotzdem ist es gut“, schrieb ich kürzlich in mein Tagebuch. Vielleicht ist dieser Gedanke ein Zeichen dafür, dass die Krise vorbei ist und ich wieder bei mir angekommen bin.
Veröffentlicht in Arts

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