Paul Watzlawicks Hammer. Ein Essay über Kommunikation auf Facebook.

Als 1983 Paul Watzlawick seine „Anleitung zum Unglücklichsein“ entwarf, war das Internet noch in weiter Ferne und noch ferner war der Gedanke an Facebook. Und doch, immer wieder, wenn ich heute durch mein Facebook blättere und mich mit Menschen in Facebook unterhalte (also schreibe), denke ich an Watzlawick und seine „Anleitung“.
 
Watzlawick beschreibt, wie und mit welchen Methoden wir Menschen es schaffen, uns selbst das Leben schwer zu machen, indem wir unsere eigene Interpretation unserer Wahrnehmungen mit der Realität verwechseln.
Die Beispiele, mit denen Watzlawick seine Thesen illustriert, wirken heutzutage eher altbacken und bieder. Eine bekannte Parabel aus dem Buch ist Die Geschichte mit dem Hammer. Sie geht so:
Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar ihm den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er ihn nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen ihn. Und was? Er hat ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von ihm ein Werkzeug borgen wollte, er gäbe es ihm sofort. Und warum sein Nachbar nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen ausschlagen? Leute wie der Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet der Nachbar sich noch ein, er sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht’s ihm aber wirklich. Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er „Guten Morgen“ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: „Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!“
 
Würde Paul Watzlawick heute die „Anleitung“ schreiben, ich bin mir sicher, er würde auch die typische Facebook-Kommunikation beschreiben. Gerade die Schriftlichkeit in Facebook verführt zu Interpretationen. Nur den Wenigsten von uns ist es möglich, sich schriftlich in einer Eindeutigkeit zu äussern, die der Interpretation keinen oder zumindest wenig Raum gibt. Und: ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber ich selbst mache mir von meinen Schreibpartner, sofern ich sie nicht persönlich kenne, durchaus ein Bild, ein Bild, das natürlich von meiner Interpretation seiner Worte gefärbt.
Das ist per se kein Problem und nichts Schlechtes.
Problematisch wird es vermutlich erst dann, wenn die eigene Wahrnehmung des Anderen und die eigene Interpretation dieser Wahrnehmung als Realität genommen werden, anstatt als das was sie sind: hinterfragbare Interpretationen der eigenen Wahrnehmung.
Anlaß meiner Gedanken ist Folgendes:
Gestern Abend saß ich auf dem Balkon. Im Glastisch spiegelte sich der Bad Homburger Schlossturm und der abendliche Himmel. Es sah so aus, als würde sich der Himmel in einem See spiegeln. Das fand ich schön und interessant genug, um es zu fotografieren und auf Facebook unter dem Titel „evening mood“ zu posten.
Ein Kommentator schrieb zu diesem Bild, er hätte den schwarzen Balken kleiner gemacht.
Ich antwortete auf dem Kommentar: „Wie meinst du das?„. Denn ich konnte keinen schwarzen Balken entdecken.
Am nächsten Morgen fand ich eine persönliche Nachricht vom Kommentator im meinem Postfach:
Möchtest Du sehen, was ich meine? Zum Verständnis: ich habe Facebook immer als ein Medium der Koperation angesehen und habe mich immer dafür angeboten und Angebote aufgegriffen
Ich schrieb zurück: Hallo xy. Das ist doch nur ein Foto! Ich hab kein Interesse daran, es „besser“ zu machen. Sicherlich hättest du ein anderes, besseres Foto gemacht.
Seine Antwort ließ nicht lange auf sich warten.
Sie begann mit: Ich habe alles gelöscht, schon vor dieser Deiner Nachricht. […] Tut mir Leid, dass ich da so „dazwischengefunkt“ habe. Soll auch nicht wieder passieren. Facebook ist eben kein Raum für fachlichen Austausch in Sachen Fotografie, auch in anderen Hinsichten nicht. Da geht es hauptsächlich bis ausschließlich um das Zuteilen von Likes.“ [… und dann ging es weiter:] “ Okay. Du kannst mich gerne blockieren, um gleichermaßen „Schlimmes“ oder gar Schlimmeres von Dir fernzuhalten… […und endete mit:] Sei’s drum. Du musst Dich ums Blockieren nicht mehr kümmern.“
Und er hat mich blockiert.
Eine rasante Gedankenfahrt vom Ausgangspunkt mir zu besseren Fotos verhelfen zu wollen bis zum „ich blockiere dich“ in ca. 200 Worten.
„Ich blockiere dich“, das scheint die moderne Variante zu sein von „Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!“
Dass er mich blockierte stört mich dabei nicht.
Was mich aber dabei nachdenklich machte: ich kenne das von mir selbst, mir -speziell auf Facebook – ein Bild von einem Menschen zu machen, und dieses Bild von diesem Menschen mit dem Menschen selbst zu verwechseln. Dieser Vorfall ermahnt mich wieder einmal, mich und meine Interpretationen meiner Wahrnehmung nicht so ernst zu nehmen und jedem Menschenbild in meinen Gedanken genügend Raum für Wachstum und Veränderung zu geben.
Veröffentlicht in Arts

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