Sexuelle Belästigung

„Neun von zehn Frauen wollten das doch so“, verteidigte sich Hecker. Sie wissen nicht, wer Hecker ist? Klaus Hecker wurde im März 1983 als Abgeordneter der Grünen in den Bundestag gewählt, schied allerdings bereits im August 1983 wieder aus. Grund: er war der “Busengrabscher” – so wurde er damals in “BILD” betitelt – und einer der ersten Politiker und oder Prominenten, die wegen sexueller Belästigung das Feld räumen mussten. lange vor Weinstein, Spacey, Louis C.K und Al Franken.

„Neun von zehn Frauen wollten das doch so“, hatte Hecker damals gesagt. Als ich damals, 1983, Heckers Verteidigung las, erschien mir diese Aussage bemerkenswert spezifisch. “Neun von zehn”, das klang nicht zufällig. Das klang nach viel Erfahrung. Mit soziologischem und statistischem Basiswissen ausgestattet, beschloss ich damals, diese Aussage durch eine eigene Feldstudie und Versuchsreihe empirisch zu verifizieren.

Mein erstes Testperson war meine damalige Freundin. Ich schlich mich von hinten an – und grabschte. Die Ohrfeige, die ich mir dadurch einhandelte, trug ich getreulich in mein Testprotokoll, das ich auf einem Klemmbrett befestigt hatte ein. Offenbar war ich gleich zu Anfang auf die Zehnte, getroffen, die nicht begrabscht werden wollte. Was für ein Zufall! Wohlgemut näherte ich der nächsten Testperson, der älteren Schwester meiner Freundin. Hier versuchte ich spontal und frontal zu Grabschen. Sie rammte spontal und frontal ihr Knie in meine Intimregion, was mir Zeit gab, den Ansatz meiner Feldstudie zu überdenken.

Grabschen mag harmlos klingen. Trotzdem ist Grabschen jeglicher Art nicht nur eklig, sondern seit 2016 strafrechtlich relevant. §184i StGB sagt:
“Wer eine andere Person in sexuell bestimmter Weise körperlich berührt und dadurch belästigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft, wenn nicht die Tat in anderen Vorschriften mit schwererer Strafe bedroht ist. “.
Insofern bräuchte man keine weiteren Worte und Gedanken daran verschwenden: Seit 2016 ist Busengrabschen strafbewehrt. Alles klar. Allerdings heißt in §184i Absatz 3: “Die Tat wird nur auf Antrag verfolgt”.
Jeder, der jemals bei der Polizei eine Anzeige gemacht hat – und sei es nur, um den Verlust des Geldbeutels zu reklamieren- kann sich vorstellen, dass viele Opfer sexueller Belästigung diesen Weg scheuen; umso mehr, wenn das Opfer in einem Abhängigkeitsverhältnis mit dem Täter steht.
In einer repräsentativen Untersuchung des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2010 gaben fast 60 Prozent der befragten Frauen an, Erfahrung mit sexueller Belästigung gemacht zu haben – oft am Arbeitsplatz. Jede zweite dieser Frauen berichtete, sie habe schon einmal Angst um ihre Sicherheit gehabt und sich ernsthaft bedroht gefühlt. Manche Frauen hatten sogar panische Angst davor, zur Arbeit zu gehen. „Tatsächlich ist in den meisten Fällen ein großes Machtgefälle zwischen Tätern und Opfern zu beobachten“, heißt es in der Studie, „besonders oft werden Abhängigkeitsverhältnisse ausgenutzt.“
Männerphantasien.
In seiner so betitelten Dissertation betrachtete der Literaturwissenschaftler Klaus Theweleit Ende der 70er Jahre die Freikorps-Literatur der 1920er-Jahre und stellte fest, dass Männer nur drei Typen Frauen kennen: Mutter, Krankenschwester und Hure. Männer seien, so Theweleit, „nicht-zu-Ende-geborene“ Menschen, die ihre frei fließenden Gefühle im Körperpanzer einzukesseln trachteten. Dies gelinge ihnen, indem sie einerseits die Phantasie von der heiligen, anständigen und hohen Frau entwickelten, der sie alles Sexuelle nahmen und denen andererseits alles Sexuelle nur als abhängiges, gewalttätiges, eben als hurendes Verhältnis sahen. Man kann zu Theweleits Thesen stehen wie man will, es scheint gesichert, dass das Verhältnis von Männern zu Frauen über Jahrhunderte und Jahrzehnte von ökonomischer Abhängigkeit und ausgenutzer Unterschiede körperlicher Kraft geprägt war.
Seitdem hat sich viel getan.
Einerseits.
Die feministische Debatte ist an keinem Mann spurlos vorübergegangen; Schritt für Schritt wurden Gesetze geschaffen, die eine Gleichberechtigung von Mann und Frau zumindest legal festschreiben; zumindest theoretisch unterliegt das Fortkommen und Wohlergehen von Frauen nicht mehr anderen Regeln, als das von Männern.
Insofern mag es verwundern, dass gerade jetzt Klagen über sexuelle Belästigung von Frauen zuzunehmen scheinen. Denn: wenn es wahr ist, was das Bundesfamilienministerium in seiner Umfrage 2010 herausfand – bei den meisten Fällen sexueller Belästigung liegt ein großes Machtgefälle zwischen Tätern und Opfern vor – wenn das also wahr ist: wie kann es zu einer Zunahme der sexuellen Belästigung in der heutigen, gleichberechtigten – Zeit kommen? Ja, wie?
Ich habe zwei Gedanken dazu. Zum einen gibt es trotz legaler Gleichberechtigung der Geschlechter jede Menge abhängiger Verhältnisse, die ausgenutzt werden können, am Arbeitsplatz, in Schulen, in Familien.
Zum anderen gibt es genügend Männer, die bereit sind diese Abhängigkeiten nicht nur zu dulden, sondern auch auszunutzen. Trotzdem ist die Zunahme der Berichte über sexuelle Belästigungen an sich ein gutes Zeichen: es bedeutet, dass Frauen sich eher wehren, oder vielleicht besser: sich eher wehren können.
Ich gehe gerne nachts, in der Dunkelheit spazieren, oft auch mit Kamera. Immer wieder kommt es vor, dass eine Frau, die mir in einer dunklen Gasse entgegenkommt, die Straßenseite wechselt. Ich nehme ihre Ängstlichkeit nicht persönlich. Woher soll sie auch wissen, dass ich das Grabschen vor mehr 30 Jahren aufgegeben hatte. Trotzdem freue ich mich auf die Zeiten, wenn Frauen und Männer furchtlos aneinander vorbeigehen können.
Veröffentlicht in Arts

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