Skurrilitäten I

Man konnte meinen alten Freund Ralph mit Fug und Recht einen Intellektuellen alten Schlags nennen. Er verweigerte sich konsequent neuen Medien, besaß weder Fernseher, Computer noch Telefon; dafür aber hatte er eine beeindruckende Plattensammlung auf Vinyl und mehrere Kubikmeter Bücher, die quer über die gerade mal 50 Quadratmeter messende Wohnung im Frankfurter Ostend verteilt waren, die er bewohnte, seitdem ich ihn kennenlernte. Wir arbeiteten damals in der gleichen Buchhandlung.
Nebenbei schrieb er, wie viele Buchhändler, an einem Roman. Sein Roman war in der Zeit zwischen 1967 und 1977 angesiedelt, einer Zeit, in der in Frankfurt Steine geworfen, Häuser besetzt und Terroristen gejagt wurden. Der Plot des Romans war allerdings nicht primär politisch. Es ging um eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern, eine schwule Geschichte in einer Zeit, zu der Homosexualität strafbar war. Insofern war der Roman natürlich politisch.
Als ich selbst noch im Nordend wohnte, trafen wir uns öfters im Ostpark, wo wir am Wochenende dem damals noch dicken Joschka Fischer beim Fußball zusahen und abends beim Bier über Gott und die Welt diskutieren. Als Joschka schlanker, seine Kicks im Ostpark seltener wurden und er schließlich als Grüner abdankte, um Außenminister zu werden, sah ich auch Ralph immer seltener.
Ich erinnere eines der letzten Treffen im Café Liebfrauenberg neben der Kleinmarkthalle. Er kam von einem Termin mit einem Lektor, dem er seinen Roman vorgestellt hatte. Er schien angeschlagen, mitgenommen wie ein Boxer nach einem Niederschlag.
Nicht gut gelaufen?”, fragte ich.
Nein”, sagte er. “Gar nicht gut. Aber weißt du was das Schlimmste ist: er hat Recht! Der Lektor hat Recht! Der Roman ist zu langatmig, da ist zuviel Müll zwischen den Zeilen, die nichts zur Geschichte beitragen. Das muss raus, raus, alles raus!
Und so begann seine Suche nach dem treffenderen Wort, nach dem noch besseren Ausdruck. Er versank in Wortmeditationen und Sprachstudien, schrieb um, überarbeitet das Manuskript, mit der Folge, dass es immer kompakter und damit auch schmaler wurde. Als ich ihn zuletzt sah, maß das ursprünglich 224 Seiten starke Manuskript noch knappe 50 Seiten. “Dichter! Das muß noch dichter werden.”, murmelte es aus ihm.
Und dann verlor ich ihn aus den Augen. Das war vor 20 Jahren.
Insofern überraschte es mich, als ich kürzlich von ihm einen Brief erhielt. Er sei jetzt fertig mit dem Roman, schrieb er. Ob ich ihn treffen wolle. Wir verabredeten uns wieder an der Kleinmarkthalle. Als ich kam, saß er schon da, sichtlich gealtert und abgemagert, und sog nervös an einer filterlosen Zigarette.
Ich hab es gefunden!”, rief er mir statt einer Begrüßung entgegen, “Ich hab es endlich gefunden!”.
Was hast du gefunden?”, fragte ich zurück.
Das Wort! Meinen Roman! Das eine Wort!
Dein Roman besteht nur noch aus einem Wort?
Er nickte aufgeregt. “Naja. Eigentlich sind es zwei Worte. Willst du sie sehen?
Er schlug die Mappe auf, die vor ihm lag und reichte mir einen Blatt Papier.
Fickt euch.”, stand da, in klarer Handschrift.
Das ist aber kein schönes Wort…”, meinte ich sprachlos-verwirrt.
Ja!”, nickte er wieder. “Die Wahrheit ist manchmal häßlich.

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