Ein Ort, der zum Hinhören zwingt.

Es gibt Gründe, Offenbach zu mögen.
Sicher, wenn man vom geruhsamen Bad Homburg die A661 nach Süden fährt, wird man bei der Ausfahrt Kaiserlei mit einer gigantischen Baustelle begrüßt.  Der Innenstadt merkt man an, dass ein Teil der Einwohner aufgegeben hat, sich gegen den Verfall zu wehren.
Offenbach 042Und auch die Deutsche Bahn scheint Offenbach aufgegeben zu haben: Der Bahnhof ist eine verlassene Ruine, abgekoppelt vom Fernverkehr, bedeutungslos.
Doch gerade in dieser trostlosen Kulisse beginnt neue Kultur zu wachsen.
Die „Initiative HBFOF e.V“ hat der Stadt und der Bahn ein Stück Bahnhof abgetrotzt, einen schmalen Streifen zwischen Bahnhofsgebäude und Gleis 1, der für kulturelle Veranstaltungen genutzt werden soll. Einen Namen hat dieser Ort noch nicht. Aber bereits bei der ersten Veranstaltung wird klar: Es kann ein guter Ort werden für Offenbach.
Es war eine mutige Entscheidung des Vereins der Inititive HBFOF, für die erste Veranstaltung eine Lesung statt einer Musikband auszuwählen. Aber es war eine gute Entscheidung.

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Die Offenbacher Autorin Ingrid Walter las Geschichten über Offenbach.
Gelegentlich unterbrachen Umgebungsgeräusche ihren Sprechfluss – durchfahrende Züge, Bahnsteigansagen, der Flugverkehr des nahen Frankfurter Flughafens. Das störte nicht. Die Stadtgeräusche unterbrachen Walters urbane Texte nicht, sondern fügten eine weitere Bedeutungsebene hinzu.
Der erste Text, des Abends  – „Was mir morgens Schönes begegnet“ – beschreibt ihren morgendlichen Weg ins Büro, ein Weg der sie am Bahnhof, dem Ort der Veranstaltung, vorbei führt.  Der noch schmucklos karge Ort der Lesung, die Umgebungsgeräusche und Walters Texte fügten sich zu einer stimmigen Melange.
Ein Ort, der zum Hinhören zwingt. Das merkt man dem Publikum an. Viele, die gespannt nach vorne geneigt sitzen und zuhören, um kein Wort zu versäumen. Ingrid Walter beschreibt Wege, Orte und Plätze, die jeder Offenbacher kennt und – vielleicht auch gerade deshalb – oft übersieht.  „Diese Stadt fragt mich jeden Tag, was Schönheit eigentlich ist.“, sagt sie. „Und das ist gut.“
Das war der Moment, an dem ich mich fast schämte, vor mehr als einem Jahrzent aus Offenbach geflohen und Offenbach genauso aufgegeben zu haben, wie die Deutsche Bahn diese Stadt bereits aufgegeben hat.
Ingrid Walters Texte weisen allerdings weit über Offenbach hinaus. Ihr aktueller Roman „Eine ungeplante Reise nach Wien“ lebt vom Widerspruch zwischen Frankfurter Geschäftigkeit und Wiener Caféhaus Laissez-faire.  Eine Liebesgeschichte zwischen Eros und Historie.
Trotzdem.  Ingrid Walter bleibt in Offenbach. Denn, so sagt sie, „vielleicht [ist] der Grund, weshalb ich nie weggegangen bin: Hier gibt es ein Stück von allem“.
Künstler, wie sie und engagierte Menschen, wie der Verein „Initiative HBFOF“, geben einem Ex-Offenbacher wie mir gute Gründe, aus dem Potemkinschen Dorf Bad Homburg nach Offenbach zu reisen.

Links:
Ingrid Walters aktueller Roman:
Eine ungeplante Reise nach Wien

Der Text „Was mir morgens Schönes begegnet“ ist erschienen in der Anthologie „Literatur zur Werkzeit“ (Bitte nicht bei Amazon kaufen, ich fand nur keinen anderen Link!)

Die „Initative HBFOF e.V.“ hat eine Webseite, die über den Vereinszweck informiert.

 

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