Skurilitäten II

Es regnete hefitg in Frankfurt. Mein Geschäftstermin war nicht gut verlaufen und ich war genervt. Um mich aufzuheitern setzte ich mich in das Café, in dem ich vor vielen Jahre, als ich noch in Frankfurt wohnte, oft gesessen hatte und bestellte mir eine heiße Schokolade. Während ich die Schokolade trank und las, trat eine Frau an meinen Tisch, etwa in meinem Alter, vielleicht etwas älter, angenehme Bräune im Gesicht, vielleicht ein klein wenig zu eng anliegendes, graues Kostüm, weiße Bluse, vielleicht  ein Knopf zuviel geöffnet, vielleicht zu viele Ringe an den Fingern, aber nicht aufdringlich, eher filligran, wie auch die Armreife an den Handgelenken, die Hände schmal, gebräunt. Trotzdem verrieten die Falten ihr Alter. „Ich sehe, du sitzt immer noch gerne im Café.“, sprach sie mich an. Kennen wir uns?, fragte ich unsicher zurück. Bitte verzeihen Sie, ich erinnere mich nicht. Sie lachte. „Du erkennst mich nicht?“ und als ich mit dem Kopf schüttelte: „Darf ich mich kurz zu dir setzen?“  Natürlich, sagte ich und rückte ihr einen Stuhl zurecht. Während die Bedienung ihr einen Kaffee brachte, nahm sie einen Spiegel aus der Handtasche und kontrollierte das Make-Up.  Als ihre Hände in Bewegung waren, gaben die Armreife einen Blick frei auf ihre Handgelenke und ich sah einige grobe Narben, die quer über Handgelenk und Puls. Mein Bewußtsein schwand für einen Moment. Als ich noch in Frankfurt lebte und arbeitete, führte mich mein morgendlicher Weg  durch dir Fußgängerzone ins Büro. Früh morgens waren nur wenige Menschen unterwegs, zumal der Himmel grau war und es nieselte. Vor mir schien eine Frau von Abfalleimer zu Abfalleimer zu torkeln. Als ich näher kam, sah ich, dass sie mit einer kleinen Taschenlampe in die Müllbehälter leuchtete. Manchmal nahm sie eine  Plastikflasche heraus und steckte sie vorsichtig, geradezu andächtig in einen großen Beutel, den sie umgehängt hatte. Als ich an ihr vorbei ging, fuhr sie mich an. „Was wollen Sie von mir?“ Ich? Von Ihnen? Nichts! „Aber Sie folgen mir!“ Nein, sagte ich verlegen. Ich bin auf dem Weg ins Büro. Das schien sie nur wenig zu beruhigen, sie zog ihre Unhängetasche näher an sich heran. Darf ich Ihnen helfen? fragte ich unbeholfen und zog meinen Geldbeutel hervor. „Ich bettele nicht!“, sagte sie harsch und drehte sich weg. Darf ich sie wenigsten zu einem Kaffee einladen? Ihr Gesicht spiegelte Widerstreit. Es regnet, sagte ich und deutete in den grauen Himmel. „Na gut“, sagte sie schließlich. Im Café legte sie ihren Flaschenbeutel so ab, dass sie immer einen Blick darauf hatte. Sie passte nicht zu dem gebürsteten Edelstahl und dem blank polierten schwarzen Glas es Cafés, in dem einige Banker in Anthrazit ihren morgendlich Espresso tranken. „Vielleicht noch ein Croissant zum Kaffee?“, fragte die Bedienung, als sie die Bestellung aufnahm. Sie nickte. Die Situation war ihr sichtlich unangenehm. „Ich hoffe, Sie denken nicht schlecht von mir. Ich bin nicht so eine.“, sagte sie. So eine? fragte ich. Was für eine? „Naja, eine die sich einladen läßt.“ Ist Flaschensammeln ein einträgliches Geschäft? „Manchmal ist es gut, am Wochenende. Aber in der Wochenmitte wird es mager.“ Und dann? „Dann muss was am Wochenende da war reichen.“ Wie kam es dazu? „Die Kinder waren aus dem Haus. Mein Mann hat sich eine Jüngere genommen und ich kam in die Psychatrie.“ Psychatrie? Sie hob ihre Hände und streckte mir die Handflächen entgegen. An ihren Handgelenken sah ich Narben. Quer über die Sehnen und den Puls. „Peter? Peter!“. Ich erwachte wie aus einem langen Traum. Du hast dich verändert. Ich hatte dich nicht erkannt. Sie nickte lächelnd. „Ja. Es hat sich Vieles zum Guten gewendet, seit … damals…“. Sie ließ das Wort frei im Raum schweben. Wie ist es dir ergangen, seit …. damals…, versuchte ich das Gespräch wieder aufzunehmen. „Ich habe wieder geheiratet.“, sagte sie.  „Einen lieben Mann. Er ist manchmal wie ein kleiner Junge, so wie du. Und manchmal detailversessen, so wie du.  Erinnerst du dich? Bei unserem ersten Kaffee hast du mir erklärt, wie man richtig Selbstmord begeht. Nicht mit dem Messer quer über die Sehnen schneiden, das tut weh, sondern längs der Arterie…“, sie lachte. „Das fand ich damals irgendwie erfrischend, nach all dem Mitleid der Anderen…“ Oh je.  antwortete ich. Ich war damals schlecht drauf. Und es ging viel Düsteres in meinem Kopf herum.  „Ich weiß“, sagte sie. Ich sah sie fragend an. Du weißt? Woher? Ich hatte dir nicht viel von mir erzählt. „Von Bernd. Ich weiß es von Bernd.“ Bernd? „Bernd. Meinem Mann. Bernd. Deinem Therapeuten.“ Du hast meinen Therapeuten geheiratet?  Sie lachte. „Ja, aber du vergißt: er war auch mein Therapeut. Du hast uns beide bekannt gemacht. Aber geheiratet haben wir erst viel später, da war meine Therapie schon vorbei. Und warst schon lange weggezogen.“ Du hast meinen Therapeuten geheiratet, nachdem ich dich zum ihm geschickt hatte? Und ihr habt euch  über mich unterhalten? Wieder lachte sie. „Ich weiß, das ist blöd. Aber Mann und Frau unterhalten sich eben manchmal. Vor allem im Bett. Du weißt schon.“ Sie spürte, dass mich diese Neuigkeit mitnahm,  legte ihre Hand auf meine und versuchte das Thema zu wechseln.  „Wie ist es dir ergangen. Was hast du gemacht? Weiter Karriere im Verlag? Geheiratet? “ Karriere im Verlag? Nein. Ich bin ausgestiegen. Geheiratet hab ich, ja, aber inzwischen wieder getrennt. Solo. Lange Geschichte. Zu lange für einen Kaffee, oder eine Schokolade. Sie nickte und suchte in ihrer Handtasche. „Hör zu. Hier hast du meine Telefonnummer.  Ruf an. ja? “ Wir standen auf. Sie nahm mein Gesicht in beide Hände und küsste mich zart auf den Mund. Wir sahen uns für einen Augenblick in die Augen. Sie wischte mit einer schmerzhaft zärtlichen Bewegung ein wenig Lippenstift von meinem Mund. „Du bist ein guter Mensch. Vergiß das nicht.“  

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