Der Testkuss

Es war ein warmer Sommerabend.
Ich war erst kurze Zeit in Frankfurt und kannte ausser dem Bankenviertel nur wenige Orte und Menschen in dieser Stadt. Ich fand es erstaunlich, wie leicht es war, Menschen kennenzulernen. Egal ob in einer Apfelwein-Kneipe oder einem Café: es war kein Problem ins Gespräch zu kommen.
In Franken, woher ich stamme, sind die Menschen verschlossener, geradezu reserviert.
In einem Café – wo sonst – hatte ich eine Frau kennengelernt, die ich interessant fand.
Wir kamen ins Gespräch und sie hatte beschlossen, mir das “wirkliche Frankfurt” zu zeigen.
Wir spazierten abends vom Cafe Ypsilon, wo wir uns begegnet waren, über den Zoo, das Stadtzentrum nur streifend, zum Main und gingen auf der Sachsenhäuser Seite den Fluß entlang in Richtung Oberrad. Wir hatten geredet und gelacht, über Alles und Jeden. Politiker, Schauspieler, Musiker und über uns selbst. Unter der Eisenbahnbrücke hielt sie an. Es sei ein sehr schöner Abend gewesen, sagte sie. Deshalb würde sie mir gerne einen Testkuss geben.
Einen Testkuss?
“Ja. Einen Testkuss. Einfach um zu sehen, ob es funktioniert. “
Ob es funktioniert? Das Küssen? fragte ich verständnislos.
“Nicht das Küssen, du Dummkopf!”, lachte sie mich aus. “Ob es mit uns funktioniert!”
Und das entscheidest du mit einem Testkuss?
“Ja!”, lachte sie.
Nur einer? Hab ich nicht wenigsten das Anrecht auf drei Versuche?
“Nein. Nur einer. Es muss der erste Kuss sein. Sonst zählt es nicht. “
Ok. Was muss ich für diesen Testkuss tun?
“Du schließt deine Augen und wartest was kommt”, sagte sie.
Also schloß ich meine Augen, spitzte meine Lippen und wartete. was kommt.
Ich fühlte, wie sie näher trat, sich leicht an mich lehnte. Ich fühlte ihre Brust an mir reiben, als sie sich auf die Zehenspitzen stellte, fühlte ihren Bauch, ihre Beine, fühlte ihr Wärme. Ich fühlte, wie sie vorsichtig einen Arm um meinen Hals legte und mit ihrer Hand langsam meine Haare streichelte. Dann berührten ihre Lippen zart meinen Mund. Mein Herz explodierte in Zärtlichkeit und ich bekam weiche Knie. Er schien mir Stunden zu dauern, dieser Kuss, und war doch zu kurz. Er endete damit, dass sie zärtlich an meiner Unterlippe saugte und diese mit einem leisen Plopp wieder freigab.
“Nichts”, sagte sie nüchtern. “Schade. Aber laß uns Freunde bleiben.”

[Für S.L. zum 25. Freundschaftstag]

Veröffentlicht in Arts

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