Frankfurter Buchmesse 2018

Die Frankfurter Buchmesse ist ein Pop Event. Die Eintritskarten sehen in diesem Jahr aus wie die Back-Stage Pässe des letzten Rolling Stones Konzerts, am Eingang gibt es Taschenkontrollen. Security-Leute bewachen die Stände.  Und überall: Kameras, Blitzlicht und Applaus.

Wenn der zu Random House gehörende Heyne Verlag Otto Waalkes zur Vorstellung seiner Autobiografie einlädt, ist selbst die größte Messehalle zu klein, weshalb der Verlag in das benachbarte „Congress Center“ einlädt, Eintrittskarten für 29,50 Euro anbietet und vermutlich ausverkauft ist.

Die kleinen und mittleren Verlage hingegen haben das Problem, ihre Sichtbarkeit zu erhöhen, oder besser gesagt: überhaupt sichtbar zu werden.
Wenn der renomierte Frankfurter Verlag Schöffling & Co. in der „Leseinsel der unabhängigen Verlage“ zu einer Lesung einlädt, ist die Anzahl der Zuhörer überschaubar und läßt sich bequem an den Fingern einer Hand abzählen.

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Einen etwas anderen, weniger subtilen Weg, ist der Frankfurter Größenwahn Verlag gegangen:
Gehen Sie mit unseren Autor*innen ins Bett„, messe_2sagt der Verleger und richtete auf dem Messestand eine rosa Plüsch-Ecke mit Bett ein, aus dem heraus die Autorinnen und Autoren ihre Lesungen veranstalten.

Abgesehen von der Tatsache, dass ich nicht mit den Autor*innen, sondern nur mit deren Büchern ins Bett gehen will, ist das eine pfiffige Idee. Immerhin hat sie den Erfolg, den Größenwahn Verlag bis in den allerletzten Winkel der Blogosphäre zu tragen. Also bis zu den paar hundert Lesern meines Blogs.

Respekt für diesen kleinen Coup!

Und doch: bei allem Respekt für die Marketing-Aktion und dem Verständnis für die Notwendigkeit als kleiner Verlag lauter sein zu müssen, um gehört zu werden, hinterlässt diese Aktion im mir ein ungutes Gefühl.
Aber vielleicht ist das auch nur eine Altersfrage.
Die jungen Autor*innen des Größenwahn Verlags sind so selbstbewusst und selbstsicher genug, um mit erotisch aufgeladenen Motiven ironisch spielen zu können, ohne sich und ihre Würde zu verlieren.

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„The Future is Female“
sagt die Frankfurter Künstlerin Kerstin Lichtblau, die seit einigen Jahren auf der Buchmesse mit ihrem „Lichtblau Verlag“ präsent ist, um ihre Bücher und ihre Kunst vorzustellen.
Dieses Jahr finanzierte sie den nicht gerade günstigen Messestand durch eine Crowdfunding-Aktion.

Zwar haben die „Augenmädchen“, die in unterschiedlichen Variationen Lichtblaus Hauptmotiv bilden,  große Augen und rot geschminkte Lippen, aber sie spielen nicht mit Erotik. Sie zeigen deutlich: „I’m not your chick“.  Das zeigen sie entweder durch Posen, wie beispielsweise die geballte Faust, oder schlicht durch die Tatsache, dass sie sich scheinbar hermetisch mit einem Raumanzug nach aussen abgrenzen.  Das ist übrigens mein Lieblingsbid von Kerstin Lichtblau, für das ich sparen werde, bis ich genügend Geld zusammen habe, um es mir leisten zu können. Oder es gelingt mir doch, sie zu einem Tauschhandel zu bewegen.
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Und Irgendwo auf dem Weg zwischen „Gehen Sie mit unseren Autor*innen ins Bett“ und den Fabelwesen der „Augenmädchen“ von Kerstin Lichtblau, die mir so tief  in die Augen sahen, begegnete ich in einer der Messehallen einer Bauchtänzerin. Ich versuchte ihr tief in die Augen zu sehen. „Wo schaust du hin?!“, rief sie mir zu. „Hier spielt die Musik!“ und schüttelte dabei ihre hoch gepushten Brüste und die breiten Hüften. Als sie sah, dass ich errötete lächelte sie mich an.

Und dann traf ich Gesine Schwan bei einer Diskussionsveranstaltung, die Licht in meine Verwirrung brachte: Widersprüche müssen nicht immer aufgelöst werden, sagte sie und sprach von der Ambivalenz, die ausgehalten werden müsse.

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Vermutlich müssen Männer meines Alters – also irgendwo zwischen 50 und 60 einfach lernen, das ironische Spiel zwischen den Geschlechtern auszuhalten, ohne zu Grabschen und ohne davon auszugehen, die Erotische Ausstrahlung des Gegenübers sei für einen selbst bestimmt.

Aushalten muss man auch die unsägliche Werbung mit der, kaum betritt man das Messegelände, das so geruhsame ZDF versucht, mit Erotik das eigene Produkt zu verkaufen :

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Buchtipps auf den Leib geschrieben„? Derartige Plakate sind auf dem gesamten Messegelände zu sehen. Seltsamerweise schreibt das ZDF ausschließlich auf die Leiber von mit der Schönheit der Jugend gesegneter Frauen. Das ist bestimmt irgendwelchen Männern zwischen 50 und 60 eingefallen.

Links:
Größenwahn Verlag: Halle 3.1 Stand H5 #sexonthebooks #buechersindsexy

Lichtblau Verlag Halle 4.1. Stand N6

Verlag Schöffling & Co. Halle 4.1 Stand F28

Geht zur Messe und schaut euch zumindest das Größenwahn Bett und die Augenmädchen von Kerstin Lichtblau an.  Beides lohnt sich!

 

 

Veröffentlicht in Arts

Ein Kommentar zu „Frankfurter Buchmesse 2018

  1. Der Bericht von Peter Moser vom 13. Oktober 2018 ist für mein Empfinden erfrischend differenziert und zurückhaltend. Das Thema Erotik / Geschlechter erscheint nicht in einem einseitigen Licht. Der Verfasser versetzt sich in die Protagonisten der Szenen, über die er sich seine eigenen kritischen Gedanken macht. So bleibt Raum für das Urteil der Leser des Blogs.

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