Sex!

Mein „erstes Mal“ war vor ziemlich genau 40 Jahren. Danach lagen wir beide auf dem Bett und lachten. Zugegeben, wir hatten ziemlich viel Gras geraucht, vorher und danach, und der ganze Akt erschien uns dermaßen lächerlich, dieses Eindringen und Eingedrungen werden, die Geräusche, die wir machten, die ganzen lächerlichen Bewegungen.  Von Marihuana umnebelt, fanden wir es nicht nur lächerlich und absurd, sondern letztendlich auch gewalttätig.

Natürlich ist Liebe, Liebemachen und Zärtlichkeit weder lächerlich noch gewalttätig.
Sex kann etwas sehr Schönes und Erfüllendes sein.  Aber: der sexuelle Akt – für sich genommen – ist, so oder so, ein physisches und psychisches Eindringen in die privatesten Sphären eines jeden Menschen. Er kann nur gelingen, wenn sich alle Beteiligten einig sind.  Und zwar bis zum Ende einig sind.  Wenn keine Einigkeit besteht kann es zu körperlichen und seelischen Schaden kommen und nennt sich schlimmstenfalls: Vergewaltigung.
43296423_2298590217029145_8429602887314702336_o.jpgGestern wurde ich auf einen Artikel aufmerksam gemacht, der in der aktuellen Ausgabe der Frauenzeitschrift „Barbara“ erschienen ist. Bettina Strang, eine Hamburger Autorin, berichtet von ihrer Vergewaltigung und wie sie mit den psychischen Folgen umgegangen ist und jetzt noch umgeht.

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Auf den ersten Blick ein untypisch scheinender Fall: Der Täter hatte Bettina Strang mit Alkohol und vermutlich anderen Drogen das Bewußtsein genommen.  Die Justiz urteilte entsprechend hart: Der Täter wurde wegen sexuellen Missbrauchs einer widerstandsunfähigen Person und Körperverletzung zu knapp sechs Jahren Haft verurteilt.
Auf den zweiten Blick ist allerdings der typische Verlauf offensichtlich:
a) Vergewaltigungen passieren in unserer Kultur überwiegend unter Bekannten, Freunden oder Partnern. Nur in seltenen Fällen ist der Täter ein Fremder, der nachts hinter einem Busch hervor springt.
b) Allen Vergewaltigungen ist gemeinsam ist, dass der Mann sich über den Willen der Frau hinwegsetzt.  Das kann auf unterschiedliche Arten geschehen:  mit Hilfe von K.O. Tropfen, wie bei Bettina Strang,  durch körperliche Gewalt, oder schlicht durch Ausnutzen eines – wie auch immer gearteten – Abhängigkeitsverhältnisses.

Das war der Punkt, an dem ich nach der Lektüre von Bettina Strangs Artikel ins Grübeln kam. Mir wurde klar, dass Vergewaltigungen keine von der Normalität losgelösten „Fälle“ sind. Sie sind im Gegenteil in der Art, wie Männer und Frauen in unserer Gesellschaft zusammenleben und miteinander umgehen, verwurzelt.

Als ich meine sexuellen Erlebnisse der letzten 40 Jahre daraufhin prüfte, ob ich mir der Zustimmung meiner jeweiligen Partnerin immer sicher sein konnte, hatte das für mich ein erschreckendes Ergebnis: Nein, ich konnte mir in mehreren Fällen nicht sicher sein.
Wann schlägt das erotische Verführungsspiel um und wird verletzend? 
Wo war eine Abhängigkeit mit im Spiel?
Wo hat SIE eventuell zugestimmt, obwohl sie nicht wirklich wollte, um einen Streit zu vermeiden?

Ich  behaupte: Jeder Mann, der jemals zu seiner Partnerin die fatalen Worte sagte „Du willst es doch auch“ – oder Ähnliches  -, stand zu diesem Zeitpunkt kurz vor einer Vergewaltigung.  Dabei spielt es keine Rolle, ob die Partnerin es in dem Moment selbst als Vergewaltigung empfand, oder ihm einfach seinen Willen ließ und das schlechte Gefühl danach einfach abtat.

Im Zusammenhang mit der „#MeToo“ Debatte, trauen sich Frauen – wie Bettina Strang – vermehrt in die Öffentlichkeit und berichten von Angriffen, Übergriffen, bis hin zu Vergewaltigungen. Es ist gut, dass Frauen sich zeigen und sich nicht mehr einfach verletzen lassen.  Aber es ist nur die eine Seite.
Die Debatte scheint aktuell weitgehend von Frauen und unter Frauen, unter Ausschluß von Männern, geführt zu werden.  Auch Bettina Strangs Artikel erschien bedauerlicherweise in einer Zeitschrift, die überwiegend von Frauen gelesen wird.

Das ist fatal.  Mir scheint, die Medien und Männer unterschätzen, dass hier eine andere, neue – auch erotische und sexuelle – Kultur entsteht, die Gleichberechtigung und  Selbstbestimmung einfordert und damit einen Dialog unter den Geschlechtern bedingt. Dieser Dialog zwischen Männern und Frauen findet allerdings- zumindest öffentlich – so gut wie nicht statt. Schade, damit verpassen Männer eine Chance.

Bettina Strang schreibt am Ende ihres Artikels:
„Die Frage, um die ich lange kreiste: Warum ist das mir passiert? Die Therapie und die Menschen, die mich trugen und ertrugen in dieser Zeit, waren wichtig. Wichtiger war (…) nicht zu schweigen. Selbstermächtigung. Aus der Ohnmacht zu gehen. Hinein in die Handlung. Haltung zeigen“.

Nicht zu schweigen. Haltung zeigen. In den Dialog zu gehen. Das ist nun auch von uns Männern gefordert. Es steht für uns alle viel auf dem Spiel, wenn wir auch in Zukunft noch die Möglichkeit haben wollen, uns gegenseitig verführen zu können.

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