Der unbewegte Erstbeweger

Kürzlich träumte mir, ich träfe Gott, in einer schmuddeligen Seitenstraße, zwischen Mülltonnen. Er hatte keinen langen, weißen Bart, in der Tat, er hatte überhaupt keinen Bart. Er sah eher aus, wie Keith Richards und spielte Blues auf einer alten Gitarre.

Er schien irgendwie bedrückt. Deshalb setzte ich mich zu ihm und hörte ihm einige Zeit zu. Gott spielt Gitarre, dachte ich bei mir. Wow! Gott spielt den Blues auf der Gitarre!
„Was ist daran so verwunderlich?“, fragte er mürrisch. „Natürlich spiele ich Gitarre. So wie ich auch jedes andere Instrument spielen kann. Ich hatte ja genügend Zeit zum Üben!“
„Du kannst meine Gedanken lesen?“, fragte ich überrascht.
„Natürlich kann ich deinen Gedanken zuhören, wenn ich will. Ich bin allmächtig, mein Lieber. Schon vergessen?“
In mein peinliches Schweigen hinein, spielte er ein paar Takte Blues.
„Weißt du“, sagte er schießlich. „Es ist so eine Sache mit der Allmacht. Was willst du machen, wenn du alles machen kannst? Es wird dann alles so beliebig. Vor allem wenn du ewig bist, und du schon alles Mögliche ausprobiert hast. Die Ewigkeit ist langweilig! Deshalb suche ich ab und zu Trost in der Musik, um was Neues zu lernen und mich selbst zu überraschen.“

„Zu überraschen? Aber wenn du allmächtig bist und allwissend“, sagte ich gewitzt, „dann weißt du doch eh schon alles! Wie kann dich dann etwas überraschen?“

Zum ersten Mal zeigte sich auf seinem Gesicht die Spur eines Lächelns. „Ah! Descartes! Wie gerne hab ich mit ihm diskutiert. Das Allmachtsparadoxon! Was René Descartes nie verstanden hat: Der Allmächtige und Allwissende kann es sich leisten, nichts zu wissen und nichts zu tun. Sozusagen Urlaub zu nehmen! So wie jetzt …“
Ich dachte kurz nach.
„Du nimmst Urlaub?!“, brach es dann etwas ungehalten aus mir hervor. „In so einer Zeit?! Auf der ganzen Welt regiert das Kapital! Kriege und Armut wohin man schaut! Despoten auf dem Vormarsch! Und du machst Urlaub?!“
Ob meines emotionalen Ausbruchs unterbrach er sein Spiel. „Was sollte ich deiner Meinung nach tun?“, fragte er mit mildem Lächeln. „Die himmlischen Armeen zum Kampf führen gegen das Böse?“
„Zum Beispiel, ja!“, antwortete ich noch immer erhitzt. „Schlag los, du alter Geselle! Schlag los!“
Er deutete melancholisch um sich herum. „Siehst du hier irgendwo himmlische Armeen?“
„Nein, aber du bist doch …“
„… allmächtig?“ unterbrach er mich. „Und weil ich allmächtig bin, soll ich für den ganzen Scheiß verantwortlich sein, den ihr macht? Nein, nein, das sollte dir eigentlich seit deiner ersten Therapiestunde klar sein: Man sollte bei sich bleiben und nicht immer die Schuld bei anderen suchen.“  Wieder spielte er ein paar Takte Blues.
„Aber bist du nicht für alles verantwortlich? Bist du nicht der Schöpfer?!“
„Der Schöpfer …“, sagte er fast verächtlich. „Da berührt man einmal aus Versehen mit dem Zeigefinger das Nichts und – BIG BANG! – bist du der Schöpfer eines Universums! Das passiert mir nicht nochmal!“
„Du kannst also nichts für uns tun?“
„Nein, das müsst ihr schon selbst erledigen“, sagte er. Und als er meine Enttäuschung bemerkte, fügte er hinzu:  „Aber ich kann dir dieses Blues-Solo zeigen, an dem ich die ganze Zeit übe.“
Da wachte ich auf.

Leider kann ich mich nicht mehr an das Göttliche Solo erinnern.

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