Winterschlaf

Wie jedes Jahr, ziehe ich – alter, müder Bär – mich nach Silvester zurück in den Winterschlaf und mosere und nörgele vor dem Einschlafen noch ein wenig vor mich hin.
Ich bin müde. Schreiben ermüdet.
Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass mir die Lyrik aus dem Hemdsärmel in die Feder tropft. Das Gegenteil ist der Fall: Schreiben ist für mich Arbeit.
Ich ringe mit Gedanken, ich ringe mit Worten, streiche Passagen, füge Neues hinzu, lasse Texte liegen und beginnen sie von der anderen Seite neu. Manchmal stelle ich – insbesondere bei Dialogen – fest, dass mir das notwendige Handwerkszeug fehlt. Dann lese ich bei den Profis nach und versuche herauszufinden, wie die das machen und übe das Schreiben, genauso wie ich auf dem Klavier oder der Gitarre neue Tonleitern oder Läufe übe.
Und so dauert es Stunden, manchmal Tage, bei komplizierteren Texten sogar Wochen, Monate, bis der Text -zumindest für mich – fertig ist.
Ich bewundere Menschen, die es schaffen, jeden Tag ein frisches Gedicht zu posten.
Sie sind entweder genial, oder haben einen großen Fundus an alten Texten.
Obwohl: wer die schriftliche Wiedergabe eines Gefühls für Lyrik hält, schafft jeden Tag gut gerne ein „Gedicht“. Denn zumindest EIN Gefühl haben wir alle jeden Tag.
In der Regel sagen diese Gedichte jedoch nicht mehr als: „Seht her! Ich bin verliebt/traurig/betroffen/glücklich und ich schreibe darüber wie verliebt/traurig/betroffen/glücklich ich bin! Ich bin ein Dichter/eine Dichterin!“
Natürlich! Nichts spricht dagegen, über eigene Gefühle zu schreiben! Die besten Gedichte haben ihren Ursprung in Gefühlen! Ihren Ursprung, wohlgemerkt! Aber: Nicht jede Beschreibung eines Gefühls ist ein Gedicht.
Und: nicht jeder, der SCHREIBEN kann, KANN schreiben.
 
Es wird – für meinen Geschmack – zuviel die persönliche Betroffenheit gefeiert, sowohl von den Schreibenden, wie auch den Lesern, speziell in facebook, insbesondere auch in den diversen facebook Lyrikgruppen.
Deshalb verunsichern mich Nachfragen von Lesern, ob die Geschehnisse in meinen Texten tatsächlich so geschehen seien (Antwort in den meisten Fällen: nein), oder – wenn ich beispielsweise ein sehsuchtsvolles Abschiedsgedicht veröffentliche: ob ich mich von meiner Lebensgefährtin getrennt habe (Antwort in jedem Fall: nein), oder ob es mir gut gehe (Antwort in den meisten Fällen: ja).
Diese Nachfragen verunsichern mich – ja, mehr noch – sie machen mich traurig, weil ich an ihnen merke, dass meine Texte nicht so gut sind, wie ich meinte und hoffte. Denn wenn mein Text nur dann als interessant empfunden wird, wenn und weil er mein persönliches Erleben wiedergibt, dann bedeutet das gleichzeitig, dass, abgesehen vom persönlichen Interesse einiger Bekannter, mein Text nicht zählt, nicht wirkt.
Mich ermüdet diese Art Gedicht, dessen Hauptinhalt in der Pose besteht; in der Offenbarung und Selbstversicherung der eigenen Gefühlswelt. Überhaupt: Mich ermüden Texte, deren Inhalt sich weitgehend mit der eigenen Betroffenheit auseinandersetzt.
Insofern ermüdet mich auch dieser – meine eigener – Text. Denn auch dieser Post beschreibt nur meine eigene Befindlichkeit.
Aber ich bin ja nur ein alter, müder Bär, der vor dem Einschlafen noch ein wenig mosert und grantelt und sich mit diesen Worten in den Winterschlaf verabschieden will.
Wir sehen uns wieder im Frühling, bei einem Cappuccino im Sonnenschein!
Veröffentlicht in Arts

Ein Kommentar zu „Winterschlaf

  1. Sechs Uhr früh. Ich werde wach. Sofort sind sie wieder da. Deine Zeilen von gestern. Ich krabble aus dem Bett greife den Laptop. Ich muss schreiben dazu. Jetzt.
    Als ich gestern von deinem Überdruss las, den eigenen oder auch anderen Gefühlen in Texten, bevorzugt lyrischen, zu begegnen, dachte ich: Ja, natürlich! Und ich dachte: Nein, wie verkehrt. Da war es wieder, das Paradoxon. Zu spüren, dass ich mit beidem in Resonanz gehe; gleichermaßen Zustimmung und Kopfschütteln ausbilde.
    Und ich musste sofort an den Roman „Die Unsterblichkeit“ von Milan Kundera denken, in dem u.a. sinngemäß darüber sinniert wird, dass wir Gefühle zu einem Wert erhoben haben, und schon allein deshalb spätestens jetzt jeder fühlen will.
    Ja, das ist wohl so.
    Auch hier wieder das Paradoxon: Das Gefühl kann einen Augenblick in ungeheuerlicher Intensität beherrschen, kann uns beuteln, uns taumeln lassen, im schönsten und schlimmsten Sinn. Doch es zieht vorbei. Wie Wetter. Nichts ist belangloser, als verpuffter Zorn, verebbte Euphorie, fortgewaschener Ekel. Vielleicht ist es wirklich eines der großen menschlichen Missverständnisse: nicht die Gefühle sind der Wert, sondern DASS wir fühlen.
    Macht das mein Schreiben obsolet? Viele meiner Gedichte sind Sturzgeburten. Aus dem Moment heraus. Das bedeutet nicht, dass ich einen tatsächlichen Vorfall beschreibe. Es bedeutet manchmal durchaus, dass ich gerade sehr empfänglich oder durchlässig für das Gefühl oder die Stimmung war. Mir begegnet dann, wie dir, die Frage von außen: Geht es dir gut? Bist du frisch verliebt? Ist jemand gestorben? Wer hat dich verletzt?
    Dann sage ich: Mein lyrisches Ich bin nicht ich. Obwohl ich immer mein lyrisches bin. Da ist es wieder, das Paradoxon.
    Die Schreiberin in mir sagt: Peter, genau darum geht es beim schreiben, dass wir tief eintauchen in Innenwelten; dass wir unsere Gefühle ausdrücken und damit Resonanzräume schaffen. Wenn ich nicht persönlich schreiben soll, brauch ich gar nicht schreiben. Und mich langweilt umgekehrt nichts mehr, als zahnlos aneinander gereihte Worte, in denen ich nichts von den Engeln und Dämonen des Schreibers bzw. seiner Protagonisten erfahren kann. Wenn ich so etwas lesen will, greif ich zu einer Bedienungsanleitung.
    Freuen wir uns also einfach über die Resonanz, die wir erfahren. Dass wir manches mal für uns selbst und für andere ein Gefühl mit einer bestimmten, persönlichen Art ausdrücken. Das ist wertvoll. Und einfach schön.
    Darüber müssen wir nicht vergessen, dass wir viel mehr sind als unsere Gefühle. Dass sie Wetter sind. Vorbeiziehen. Vergehen. Dass wir sie fühlen dürfen, beobachten können, dann zuordnen und weiter gehen.
    Ob ein Text gut oder nicht gut ist, misst sich meines Erachtens übrigens nicht darin, wie stark sich die Menschen darin finden oder damit identifizieren. Dafür gibt es zu viel Begeisterung auch für schlechte Lyrik. Und ja, Pose ermüdet. Das zum Wert erhobene Gefühl ermüdet auf Dauer. Nie aber Menschen, die schlicht zeigen, dass sie fühlende Wesen sind. Die ein Gefühl einfangen, ausdrücken, um es dann wieder loszulassen.
    Du nimm hin, dass du die Klaviatur der Zwischentöne beherrschst. Der feinen Wahrnehmung und des wohlfeilen Ausdrucks. Inhalt UND Form bilden den Genuss. Das macht deine Texte so kostbar und köstlich für uns Leser. Guten Winterschlaf und frohes Erwachen, Bär

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