„Sitzheizung gibt’s nicht“: ZDFneo klaut Idee von Seinfeld und fährt sie gegen den Baum.

Kürzlich hatte ich es mir während einer der wenigen Wachpausen in meiner kleinen Winterschlafhöhle bequem gemacht und wollte fernsehen:
Ich sah eine Wiederholung von „Sitzheizung gibt’s nicht„, einer ZDFneo Serie. Der deutsche „Komiker“ Michael Kessler läßt prominente BeifahrerInnen in ein speziell für sie ausgesuchtes Automobil steigen, fährt herum und unterhält sich. „Comedytalk“ sagt das ZDF dazu und verspricht jede Menge „Quatsch beim Quatschen„. Ich kann weder das eine noch das andere bestätigen.

Die Idee ist von der US-Amerikanischen Comedy-Legende Jerry Seinfeld geklaut, der das Format seit 2012 unter dem sperrigen Titel „Comedians in Cars getting Coffee“ erfolgreich in den USA umsetzt. Wie erfolgreich Seinfeld dabei ist, zeigt allein schon der Gastauftritt des – damals noch amtierenden US-Präsidenten Obama, den Seinfeld in einem 63er Corvette Stingray rund um das Weiße Haus kutschierte. Übrigens: wer nun einwendet, Obama sei kein Comedian, der möge Obama’s letztes „White House Correspondence Dinner“ googlen, bei dem Obama ein sehr solides Stand-Up-Set ablieferte, inklusive „Mic Drop“ am Ende.

Seinfelds Vorgehen ist bei jeder Folge gleich: Zuerst beschreibt er das Auto, das er für seinen Gast ausgewählt hat und er tut das mit einer Nonchalance, die zwischen Ironie und schlichter Automobil-Begeisterung changiert.
Dann ruft er kurz beim aktuellen Gast an, bestätigt die Verabredung zum Kaffeetrinken, holt ihn ab und packt ihn ins Auto. Und dann wird geredet. Irgendwann landen die beiden in einem Cafe – trinken was, essen was und reden dabei weiter. Und irgendwann wird der Gast wieder zuhause abgeliefert und die Episode ist vorbei.
Das Ganze wird von vier Kameras verfolgt: drei kleinen Action-Cams (links – mitte – rechts) auf dem Armatourenbrett und einer Aussenkamera.

ZDFneo und Michael Kessler kopieren formal Seinfelds Vorlage bis aufs i-Tüpfelchen. Von der Fahrzeugauswahl, dem Telefonanruf und Kaffeehaus-Besuch, über die Kameraführung und Musikauswahl, bis hin zu ästhetischen Zwischenschnitten, die in Nahaufnahme die Zubereitung von Espresso zeigen. Trotzdem funktioniert die Sendung nicht. Denn was ZDFneo und Michael Kessler vergessen haben:
Deutschland ist nicht die USA, Michael Kessler ist nicht Jerry Seinfeld und Bastian Pastewka ist kein Comedian sondern Komiker.

Comedians in Cars getting Coffee“ ist eine Talkshow. Natürlich ist auch in den USA alles gescriptet, natürlich sind sich die Gäste der Kameras bewußt. Aber trotzdem gelingt es Seinfeld durch das ungewohnte Setting, durch die ungewöhnliche Situation, seine Talkgäste „natürlich“ zu zeigen und – sofern das bei Promis überhaupt geht – ausserhalb gewohnter Rollenklischees. Weder Seinfeld, noch seine Gäste, müssen beweisen, dass sie Comedians sind. Im Gegenteil: Seinfeld gibt ihnen die Gelegenheit sich anders zu zeigen, von einer privateren, auch ernsteren Seite.

Bei „Sitzheizung gibt’s nicht“ bleiben alle Gäste – bis auf eine Ausnahme – „in character„, also in ihrer Rolle. Bastian Pastewka benimmt sich so, wie wir ihn aus „Pastewka“ kennen. Hoecker bleibt Hoecker und Annette Frier bleibt … naja.
Alle geben sich – überaus bemüht – lustig und Kessler lacht zu deren Witzen hysterisch. Mit „Sitzheizung gibt’s nicht“ wird ein neues Comedy-Format versucht, der „Comedytalk“, und das muss scheitern. Es kann nicht funktionieren, weil deutsche Komiker nicht lustig sind und – ausserhalb ihrer Rolle – nichts zu erzählen haben.

Eine Ausnahme ist die Episode mit Katharina Thalbach. Hier hätte sich ein interessantes Gespräch entwickeln können, wenn Michael Kessler nicht versucht hätte, nach jedem fünften Satz zwanghaft eine Pointe einzubauen. Schade.

Da schalte ich lieber den Fernseher aus und schlafe weiter. Danke ZDFneo!

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