Winterschlaf: beendet.

Zwei Bücher hatte ich mir vor meinem Winterschlaf unter mein Kopfkissen gelegt, um in den kurzen Schlafpausen in ihnen zu lesen.
In beiden Büchern geht es um Lyrik, beide sind von Frauen geschrieben und beide haben im weitesten Sinne mit Natur zu tun.
Und trotzdem könnten die beiden Bücher unterschiedlicher nicht sein.

„Wachsen lassen“ der Hamburger Autorin Bettina Strang ist ein äußerlich schmaler Band mit 31 Gedichten und hübscher Pusteblume auf dem Cover.
Auf den ersten Blick macht Bettina es den Lesern leicht, Zugang zu ihren Gedichten zu finden: gereimt und im tanzenden Rhythmus vierhebiger Jamben. Das klingt vertraut, das kennen wir alle von Volksliedern oder den Gedichten der deutschen Romantiker:

Ich habe einen Eimer mit
Gefühl ums Haus getragen
und an der Tanne, gleich beim Zaun,
verbuddelt und vergraben.

(Aus dem titelgebenden Gedicht „Wachsen lassen“ )

Doch die einfache Form und die heiteren Rhythmen täuschen. Thematisch haben es ihre Gedichte in sich. Bettina schreibt von Liebe und Versagen, Leben und Tod. Doch nie vergißt Bettina Strang, ihren Lesern eine Zeile Hoffung und Trost anzubieten:

Wer hört dein Lied? Wer deckt dich zu?
Dein Puls zerrinnt. Die Zeit
bricht jedes Rückgrat. Du verblasst.
Wie lebt man Ewigkeit?

Dein Abspann läuft. Der Vorhang schiebt
sich zwischen mich und dich .
Dein Blick wird still. Wir sehen uns.
Ich weiß, du findest mich.

(Aus „Ausklang“)

Vieles macht schmunzeln. Zum Beispiel die Fabel Wolf ohne Seepferdchen, in der ein Wolf sich nicht traut, im Schwimmbad vom Drei-Meter-Brett zu springen. Am Ende es heißt:

Man sieht, selbst einem Wildtier ist 
an manchen Tagen bange.
Im Stadtbad West sprach man davon
am Dreier-Brett noch lange.

(aus „Wolf ohne Seepferdchen“)

Bettinas Gedichte sind trostreich und voller Hoffnung. Sie eignen sich gut als Lektüre vor dem Einschlafen.
Ja, ich würde sogar soweit gehen: Sollte ich irgendwann mal sterben – wovon ich im Augenblick noch nicht überzeugt bin -, wünsche ich mir Bettina Strang als Trauerrednerin, denn sie wird es schaffen, der Trauer der Hinterbliebenen Sinn zu geben.

Tamara Labas gönnt ihren Lesern den Zuckerguss des Reims und Vermaßes nicht. In konsequenter Kleinschreibung und in freien Rhythmen beanspruchen ihre Worte Aufmerksamkeit. Oberflächliches Lesen geht hier nicht.
„zwoelf“ heißt der Band, gemeint sind damit die zwölf Monate des Jahres, die gleichzeitig die 61 Gedichte des Bands in Kapitel gliedern. „gedichte im gras am himmel unter der sonne & im schnee“ – so untertitelt die Frankfurter Autorin den Band, ein Jahresreigen von März bis Februar, der zugleich auch ein thematischer Reigen ist, eine Reise durch ein Jahr.
Für März und April beschreibt sie Momentaufnahmen, Begebenheiten, Begegnungen, Selbstzweifel. Sehr persönlich („von der erwachsenenwelt umklammert // ersticke ich in ihrem dunst“ ), trotzdem kommt das „Ich“ nur sehr zurückgenommen vor, eher als Betrachter, denn als Handelnder.
So zum Beispiel in „Fragezeichen“

wege
sind ungleich
blütenstaub
liegt auf dem einen
leuchtendgelb
steine auf dem anderen
bunt und rund

welchen ich nehme?

(aus „Fragezeichen“)

Ab Mai bricht – blitzlichtartig – die Realität über die leuchtendgelbe blütenstaub-Welt herein: Maitod

Es sind Bilder wie dieses, Bilder von Krieg und Zerstörung, Bilder von Flüchtlingen und Ertrinkenden, die in den letzten Jahren immer wieder unser Leben erschüttert und in Frage gestellt hatten; Bilder, für die es keinen Trost gibt, die keinen hoffnungsvollen Reim erlauben; Bilder der Geschichten, die nur in Kleinschreibung festgehalten werden können.
Und doch, dicht daneben, gibt es auch Liebe, Schönheit und Lust.
Es ist dieser Widerspruch, den Tamara Labas‘ Texte aufzeigen und aushalten ohne zu zerbrechen. Denn:

die natur hat zwei gesichter
der januskopf
in dir und mir

(aus „Maihügel“)

Es ist genau diese Qualität der Widersprüchlichkeit, die mich an Tamara Labas‘ Texten fasziniert haben; eine Widersprüchlichkeit, die mich in seltsamer Weise an Erich Fried erinnerte, jedoch nicht an dessen Liebesgedichte, sondern die – inzwischen nahezu vergessene – politische Lyrik: Nicht die eigene Befindlichkeit ist das Thema, sondern das Mitfühlen, das sich Hineinfühlen in die Situation und Gedankenwelt Anderer, Empathie.
So auch in dem Gedicht „Siena Gebrannt“

es war angst
auf dem rücken
mit einem bündel hoffnung
treibend in die fremde welt

es war angst
nicht zu spüren
mein barfüßiges dasein
und abgekämpft

es war angst
hungrig, durstig
weiter und weiter
zu laufen

es war angst
auf menschenfeindlichen wegen
das unfassbar schlimme
zu überleben

es war angst
im fremden land anzukommen
mein bündel hoffnung auszupacken
und nicht willkommen zu sein

es war pure angst
denn sterben
konnte ich jeden tag.

(aus „Siena Gebrannt“ )

Doch niemals schreibt Tamara Labas mit erhobenem Zeigefinger, niemals versucht sie zu belehren. Sie findet lediglich Worte und Bilder für das an sich Unaussprechliche – sei es Glück oder Unglück, Trauer oder Freude – und sie spürt den knirschenden Verbindungen und Sollbruchstellen zwischen beiden nach.

Am Ende der Jahresreise schreibt sie, fast ein Resümee:

ich hatte alle möglichkeiten dieser welt aber niemanden, der sie mir zeigte, sinn für vieles, aber wenig sinnvolles erreicht, mut in allen facetten, aber angst vor mir selber.

(aus „Alles und Niemanden“)

„zwoelf“ beinhaltet für den Leser, der sich nicht mit dem E-Book zufrieden gibt, eine schöne Überraschung:

Im hinteren Umschlag eingeklebt ist eine „inspiration für ein gedicht“, ein kleiner Umschlag, in dem sich Wort- und andere Schnippsel befinden. Gedichte, die aus dieser Inspiration entstehen, kann man an Tamara Labas schicken und werden auf einer Webseite veröffentlicht.
Da konnte ich natürlich nicht widerstehen.
Hier mein Gedicht für sie:

ein stein fällt mir vom herzen
und kullert auf den weg
ich hebe ihn auf
wie leicht er nun wiegt
in meiner hand
ein unscheinbarer
abgegriffener kiesel
ich lasse ihn
über den ruhigen spiegel
flitzen
ein – zwei – drei – mal
tanzt er auf dem wasser
bevor er versinkt

(„am see“ Peter Moser 2019)

Links:

Bettina Strang:
Wachsen lassen
ISBN 978-3-7528-3303-4
https://www.bod.de/buchshop/wachsen-lassen-bettina-strang-9783752833034
Betttina Strangs Webseite: https://wortstrang.de/

Tamara Labas:
zwoelf
ISBN 978-3-95771-144-1
http://groessenwahn-verlag.de/produkt/zwoelf/
Tamara Labas‘ Webseite:
https://www.tamara-labas.de/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.