Flüchtige Berührungen

Vor mir liegt das Buch „Flüchtige Berührungen“ von Greta Rosalie Emme . Eine schöne Frau in warmen Sepia auf dem Cover. Auf dem Umschlag steht: „Eine Pflichtlektüre für Frauenversteher.“ Also: Ein Buch für mich.

Die 70er seien eine wilde Zeit gewesen. So sagt man. Sexuell gesehen.
Ich selbst war damals in der Pubertät, verpickelt und im erotischen Dauernotstand. Mein älterer Bruder hingegen sagte Sätze, wie „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“, was ich doof fand, denn ich wäre schon mit einer Nacht glücklich gewesen. Dazu hatte er ein Foto der barbusigen Uschi Obermaier über seinem Bett hängen, was ich ziemlich cool fand.
„Viele junge Frauen erlebten sich damals als Freiheitskämpferinnen…“, heißt es dazu auf dem Umschlag von „Flüchtige Berührungen“. Klar, die Pille war gerade auf den Markt gekommen und Aids war erst zehn Jahre später ein Thema; goldene Zeiten also für „One-Night-Stand-Erproberinnen“.

Der erste Teil von „Flüchtige Berührungen“ handelt mehr oder weniger ausschließlich davon; von den Versuchen, sich selbst über Liebe und Liebemachen zu definieren, von „One-Night-Stands“ .
Greta Rosalie Emme stellt Ausschnitte von Liebesbriefen zumeist enttäuschter Liebhaber – sie nennt sie „Verehrer“ – eigenen Gedanken gegenüber. Enttäuscht sind die Verehrer, weil SIE sich dem jeweiligem IHM entzieht. Die Herzen der Männer sind entflammt. Sie wollen mehr. Sie klammern. Sie beklagen sich über IHR Schweigen. Die Briefe der Männer sind voller Gefühl, voller Sehnsucht und oft auch Sentimentalität.
Und SIE?
SIE lässt sich durch das Klagen der Männer nicht irritieren:

Ich bin eine Freibeuterin der Liebe.
Und es bereitet mir Freude zu verführen.
Und ich liebe.

Nicht Dich, mein Freund.
Wie könnte ich dich lieben?
Diese Wahrheit läßt mich schweigen.

Du ahnst nicht mal, wie gnädig meine Lügen sind.

„Lügen“ – Seite 15

SIE nimmt sich, was SIE will und SIE behält, was SIE behalten will. Eine Freibeuterin der Liebe. Für Männer hat SIE – so scheint es – wenig mehr als Verachtung:

Wie stark sind doch die Männer.
Welch‘ überragende Fähigkeit dort so
schlummert.
Wie viel Überheblichkeit wohnt dort,
wo einst die Träume lebten.
Wie schwach sind doch die Männer.
Welch‘ lächerliche Kleinkrämerei, wo es
unlängst noch um Liebe ging.

„Männer“ – Seite 117

So antwortet SIE einem enttäuschten Verehrer.

Anfangs ärgerte mich IHRE Attitüde. Männer-Bashing, bis hin Häme.
Das fand ich unmöglich und die armen Kerle taten mir leid. „Wenn ein Mann so über Frauen schreiben würde…“, dachte ich bei mir, „… das gäbe einen ziemlichen Shitstorm…“
Aber dann dämmerte mir: wir Männer haben über Jahrhunderte hinweg so von und über Frauen geschrieben! Wir haben in Frauen das Objekt unserer Begierden gesehen, haben SIE auf Podeste gestellt, zu Göttinnen erhoben, wodurch die Eroberungen noch glorreicher wurden. Wir haben erobert und danach über unsere amouröse Abenteuer geschrieben, oder in der Kneipe geprahlt.
Und hier ist eine Frau, die uns den Spiegel vorhält, den Spieß umdreht. SIE ist nicht Objekt, sondern Subjekt der Begierde. SIE bestimmt, wen SIE ins Bett nimmt und wen nicht. SIE bestimmt, wen SIE liebt und wen verachtet.
Freiheitskriege und andere Lügen„, so ist der Untertitel des ersten Teils.
Ja, vielleicht ging es damals tatsächlich nicht um Freiheit. Aber um was ging es dann? Worin besteht die Lüge des „One-Night-Stands“? In der Beliebigkeit der Berührungen? Der Flüchtigkeit des Augenblicks?

Im zweiten Teil – „Berührungsflüchtlinge“ – wagt SIE immer wieder eine Antwort. So etwa im Gedicht „Blinde Wut“:

Mein Zorn ließ sich nicht niederkämpfen,
auch Worte konnten mich nicht dämpfen.
Ich habe Dir den Krieg erklärt

„Blinde Wut“ – Seite 137

Auch im zweiten Teil überwiegt die Skepsis. Misstrauisch gegenüber Gefühlen, gegenüber dem Versprechen der Liebe, gegenüber Romantik
Deshalb stand ich – alternder Romantiker – den „Flüchtigen Berührungen“ anfangs ebenfalls skeptisch gegenüber. Zu hart, zu selbstbezogen, dachte ich mir, zu wenig Selbstreflektion. Doch das ist nicht wahr. „Flüchtige Berührungen“ hält auch mir den Spiegel vor.

Tatsächlich habe ich in einigen der Briefe „Von Ihm“ Gedanken und Formulierungen wiedergefunden, die ich selbst in jüngeren Jahren an die Liebste geschrieben hatte. Die Erkenntnis, die ich von der Lektüre mitnehme ist: auch Liebesbriefe haben zwei Seiten, sie können sowohl Ausdruck von Sehnsucht, als auch mehr oder weniger klammernde Versuche, etwas zu bewahren, was nicht ist.
In dem Gedicht „Einladung“ heißt es:

Ich gebe viel, ich nehme viel.
Unersättlich, meine Lust.
Neugier strahlt aus meinen Poren.
Meine Sinne lächeln tief.
Begleite mich noch eine Weile.
Ich zeige Dir geheime Schätze.
Folge mir, um sie zu bergen.

„Einladung“ – Seite 185

Ja, vielleicht ist die Liebe, die Sehnsucht nach und die Furcht vor Nähe wirklich Teil einer lebenslangen Schatzsuche. Vieleicht liegt tatsächlich im „Begleiten“ dieser Schatzsuche das Geheimnis einer erfüllten Beziehung, auch wenn sie nur auf Zeit sein mag.

Eine Pflichtlektüre für Frauenversteher? Nein, soweit möchte ich nicht gehen. Aber „Flüchtigen Berührungen“ öffnete mir einen kleinen Spalt zur „andere Seite“, zeigte mir Lust, Frust, Liebe und Wut einer Frau, einer starken Frau.

Und doch läßt „Flüchtige Berührungen“ viele Fragen offen. Es könnte reizvoll sein, Greta Rosalie Emme zu interviewen, mit ihr über die ein oder andere Frage zu diskutieren. Doch ich fürchte, dass sie nach einer Stunde Gespräch zu mir sagen könnte:

Ich mag dich sehr, Du feiner Mensch.
Nur langweilst Du mich fast zu Tode

„Freundschaft“ – Seite 37

Links:

Flüchtige Berührungen

196 Seiten
edition fischer (11. Mai 2015)
ISBN-13: 978-3-89950-847-5

Greta Rosalie Emme auf Facebook:
https://www.facebook.com/gretarosalie.emme

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