Wie ich von einem Erpresser fast 10 Euro bekam…

Kürzlich erhielt ich eine seltsame Mail mit dem Betreff „Wichtige Nachricht für dich“. In der Mail wird beschrieben, dass mein Computer, während ich masturbierte, mit einem „Computerwurm“ infiziert und ich bei der Masturbation gefilmt worden sei. Dieser Mitschnitt werde an mein komplettes Adressbuch versendet, wenn ich ihm nicht innerhalb 48 Stunden 150 Euro in Bitcoin an eine bestimmtes Bitcoin Wallet überweisen würde.

Seltsam war diese Mail, nicht etwa weil mir das Konzept der Masturbation fremd wäre, sondern: Porno-Videos funktionieren für mich nicht. Ich bin bibliophil. Meine erotischen Fantasien basieren nicht auf Bildern oder Videos, sondern im geschriebenen Wort. Ich bin ein Fan erotischer Literatur. Und – so weit ich gesehen habe – haben meine Bücher keine eingebaute Kamera.

Also antwortete ich entsprechend auf die Mail und schrieb dem Erpresser in diesem Sinne über meine bibliophilen Neigungen; und dass ich ihm nicht glauben würde.
Am nächten Morgen hatte ich eine Antwortmail in meinem Postfach.
Eine – offensichtlich ältere – Dame schrieb mir, dass sie von einem Mitschnitt nichts wisse, aber sie werde ihre Enkelin fragen, die ihr das Internet eingerichtet habe. Ausserdem zeigte sie sich an erotischer Literatur interessiert und fragte mich, ob ich ihr nicht etwas empfehlen könne. Als gelerntem Buchhändler fiel mir das nicht schwer. Ich empfahl ihr „Das Tier mit den zwei Rücken“, eine Anthologie des leider viel zu früh verstorbenen Roger Willemsen (Fischer TB ISBN: 978-3-596-16418-9)

Der Erpresser war also schlau genug gewesen, nicht unter seiner eigenen E-Mailadresse zu schreiben. Mein Interesse war geweckt. Wie konnte ich an ihn herankommen?
Ich erinnerte mich an die vielen Krimis, die ich in meinem Leben gelesen hatte: Bei Erpressungen scheint stets die Übergabe des Lösegelds der kritische Moment zu sein. Denn um das Geld entgegen zu nehmen, muss sich der Erpresser zeigen. So auch hier. Der Erpresser mag mit einer falschen E-Mailadresse geschrieben haben, doch eine Angabe, davon ging ich aus, musste stimmen: die ID des Bitcoin Wallets, an das ich überweisen sollte.

Landläufig wird angenommen, dass Bitcoin eine anonyme Währung sei. Das mag auch stimmen; zumindest solange die Bitcoin-ID nicht veröffentlicht wurde. Für einen Spendenaufruf, beispielsweise. Und genau das hatte mein Erpresser getan. Ich googelte die angegebene Bitcoin-ID und landelte auf der Seite der freiwilligen Feuerwehr einer kleinen Ostdeutschen Gemeinde. Es kostete mich einen Anruf bei dieser Feuerwehr, um den Namen und E-Mail des Inhabers der Bitcoin-ID zu ermitteln.

Also schrieb ich ihm.

Lieber …XY…
Vielen Dank für das Angebot der Veröffentlichung! Tatsächlich nehmen Sie mir viel Arbeit ab, wenn Sie die Mitschnitte veröffentlichen. Die Mitglieder meines Swinger-Clubs „Fröhliche 69“ warten bereits darauf. Als Zeichen meiner Wertschätzung werde ich Ihnen vorab 10 Euro überweisen. Nach erfolgreicher Veröffentlichung werde ich nochmals 50 Euro anweisen.

Natürlich überwies ich ihm nichts.

Zwei Stunden später erhielt ich eine Antwort:
Du Witzbold! Ich meine es ernst! Entweder du zahlst 150 Euro oder ich schicke die Mitschnitte an dein Adressbuch!
Ich antwortete: „Mein lieber …XY… So geht es aber wirklich nicht! Ich zahle erst nach der Veröffentlichung. Allerdings erscheinen mir 150 Euro zu viel. Ich bin bereit maximal auf 75 Euro zu erhöhen. PS: sind meine 10 Euro Vorschuss schon angekommen?

Keine Antwort.
Also schrieb ich am folgenden Tag:
Lieber …XY… Leider haben Sie die versprochene Veröffentlichung noch nicht vorgenommen. Durch Ihre Annahme meiner 10 Euro ist ein wirksamer Vertrag zustandegekommen. Ich fordere Sie letztmalig auf, die Veröffentlichung vorzunehmen! Sonst: Anwalt!
Auf das „Sonst: Anwalt“ war ich besonders stolz. Ich fand, das klang sehr professionell. Das fand mein Erpresser anscheinend auch, denn wenig später erhielt ich eine Mail mit den wenigen Worten: „… wie ist deine Bankverbindung?
Ich gab ihm die ohnehin öffentliche Bankverbindung meiner kleiner Firma. Und wirklich: am nächsten Tag hatte ich 9,99 Euro auf dem Konto. Ohne Verwendungszweck.

Ich bin mal gespannt, wie mein Steuerberater die 9,99 Euro verbuchen wird, vielleicht als „Ausserordentliche Erlöse“? .



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