Scheidung im Café

Nach dem Scheidungstermin gingen wir ein letztes Mal gemeinsam ins Café. Wir saßen schweigend da, rührten in unseren Tassen und wußten nichts zu sagen. Sie scrollte auf dem Telefon durch Mails und Nachrichten und ich war erleichtert; nicht nur, weil dieser Abschnitt meines Lebens nun beendet war. Ich war erleichtert, weil ich in der Nacht vor dem Termin einen Albtraum gehabt hatte. Der Albtraum ging so:

Wir sitzen uns gegenüber vor Gericht. Der Richter, der eine frappante Ähnlichkeit mit ihrem neuen Lebensgefährten hat, ruft unsere Sache auf.
Ich muss voraus schicken: meine Ex-Frau hatte – solange ich sie kannte – ein Faible für große Posen in der Öffentlichkeit. Und wo gibt es eine bessere Öffentlichkeit für große Posen als vor Gericht? Eben!
Deshalb wundert es mich nicht, dass sie plötzlich aufspringt und ruft: „J’accuse! Ich klage diesen Mann“ – sie zeigt mit einer ausladenden Geste und ausgetrecktem Arm auf mich – „Ich klage diesen Mann hier der strukturellen Untreue und der sexuellen Unvermögens an! J’accuse!..“.
Der Richter hämmert „Ruhe! Ruhe!“ und wendet sich mir zu: „Angeklagter, was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen?“
Ich stehe auf, will etwas sagen, bringe aber keinen Ton hervor. Der Mund ist wie ausgetrocknet, verklebt.
„J’accuse!“, ruft sie darauf hin wieder und immer wieder. „Ich klage an!“ Und das Publikum, das aus meinen Schwiegereltern und gemeinsamen Freunden besteht, stimmt in den Sprechchor ein „Schuldig! Schuldig“. Als der Gerichtsdiener kommt um mir Handschellen anzulegen, erwache ich schweißgebadet, die Arme in der Bettdecke verknotet.

Als wir dann tatsächlich am Morgen des Scheidungstermins den Sitzungssaal betraten, hatte ich ein kurzes Deja Vu:
Als der Vorsitzende, der tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit ihrem neuen Lebensgefährten hatte, unsere Scheidungssache aufrief, glaubte ich zu sehen, wie sie tief Luft holte und aufstehen wollte. Doch ihre Anwältin hielt sie mit sanftem Druck auf den Arm zurück.
Der Vorsitzende fasste den Sachstand in ein paar knappen Worten zusammen und erklärte die Ehe für geschieden. Nach etwa zwei Minuten verließen wir – nun offiziell geschieden – den Raum.

Und so saßen wir im Café, rührten schweigend in unseren Tassen und wußten uns nichts mehr zu sagen.
Jeder zahlte für sich.
Zum Abschied reichten wir uns artig die Hand und gingen -ohne uns umzusehen- in entgegengesetzte Richtungen.

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