Die Heilige auf dem Podest

Ich hatte mich mit einer verflossenen Liebe verabredet, meiner erste Liebe. Die Art Liebe, die manchmal auch als die große Liebe erinnert wird.

Wir hatten seit fast 40 Jahren nichts voneinander gesehen oder gehört. Deshalb war ich verwundert gewesen, eine Mail von ihr zu bekommen, sie sei zufällig in der Nähe, ob wir uns treffen könnten.

40 Jahre sind eine lange Zeit.
Menschen verändern sich.
Deshalb überraschte es mich nicht, dass ich sie nicht auf den ersten Blick erkannte, als sie das Café betrat: eine große, ein wenig pummelig wirkende Frau, mit langen, ergrauten Haaren, ein blasses, schmales Gesicht, eine dünne Brille, die die Falten um die Augen nicht verdeckte, sondern eher einrahmte; voller Mund mit auffallend dunkelrot geschminkten Lippen. Sie trug ein weites, langes, buntes Kleid, flache Schuhe.

“Du erkennst mich nicht?”, sagte sie, als sie an den Tisch trat.
Zumindest hätte ich ihre Stimme erkannt, sagte ich, um meine Verlegenheit zu überspielen.
Wir begrüßten uns mit einer kurzen Umarmung.
“Wie ist es dir ergangen, in den letzten Jahrzehnten?”, fragte sie, nachdem sie Platz genommen hatte.
Kurzform oder Langform, fragte ich zurück.
Sie lachte, als ihr die Monstrosität ihrer Frage bewußt wurde.

“Ich habe noch etwas von dir, was ich dir wiedergeben wollte”, sagte sie und holte eine Kladde aus der Handtasche. “Dein Notizbuch. Von damals.”
Ich schlug das Buch auf und sah eine Handschrift, die kindlich anmutete, aber tatsächlich unverkennbar meine eigene war.
Manche Texte mit Datum versehen, wie Tagebucheinträge. Postkarten. Polaroid Fotos. Auf einem der Fotos war ein blutiger Handabdruck auf einer weißen Wand zu sehen.
“Erinnerst du dich?”, fragte sie. “Als wir dachten, ich sei schwanger. Und dann die Erleichterung, als ich doch meine Tage bekam. Ich hab meine mit Menstruationsblut verschmierte Hand an die Wand neben deinem Bett gedrückt.”
Ja, ich würde mich erinnern. Und auch daran, dass ich diese Stelle auf der Wand bei meinem Auszug mehrmals überstreichen musste, weil der Abdruck noch immer zu sehen war und durchschien, als wäre ein geheimer Zauber am Werk.
Sie lachte.
Dann deutete sie auf ein anderes Foto. Darauf waren in Nahaufnahme die nackten, geöffneten Oberschenkel einer Frau zu sehen und zwei Finger, die leicht die äusseren Schamlippen auseinander zogen.
Auch daran erinnerte ich mich.
Du hattest mich gebeten, diese Fotos zu machen, weil es dich interessierte, wie du da unten aussiehst, sagte ich entschuldigend mit einer Handbewegung in Richtung ihres Schoßes.
“Da unten?”, sie schien belustigt. “Du bist noch immer so prüde? Fällt dir keine bessere Bezeichnung dafür ein? Mumu, Muschi, Pussy? Oder zumindest Vulva?”
Ich würde nicht so oft darüber reden, sagte ich und blätterte weiter durch meine alte Kladde.
“Du hast damals gesagt, ich könne doch auch ins Biologiebuch schauen. Aber das wäre ja nicht das Gleiche gewesen, das wäre nicht ich gewesen.“
Es sei mir damals nicht richtig erschienen, sie so zu fotografieren, sagte ich. Was wenn die Fotos in falsche Hände geraten wären?
“In falsche Hände? Ja, was dann? Meinst du, mich hätte jemand an meiner Mumu erkannt und mich erpresst?”. Sie lachte.
Nein, sicher, sie habe recht, sagte ich beschwichtigend.

Ob sie noch manchmal an damals dächte, an uns, fragte ich sie, um das Thema zu wechseln.
“Schon lange nicht mehr”, sagte sie. “Erst wieder als ich dein Notizbuch wiederentdeckt und durchgeblättert hab.”
Sie zeigte mit einem Finger auf eine Seite. “Schau mal! Hier das Gedicht, das du mir zum Geburtstag geschenkt hast: Die Heilige auf dem Podest, unereichbar“
Oh Gott, ja, wie peinlich. Heilig.
“Was ist an diesem Körper heilig?”, fuhr sie fort, hob die Arme und drehte sich leicht hin und her, so als sei sie eine Ware, die vor dem Kauf inspiziert wird. “Frauen sind nicht heilig. Wir schwitzen, wir bluten, wir pinkeln, wir altern. Da ist nichts Heiliges dabei.”
Nicht heilig, sagte ich. Aber sie sei damals etwas Besonderes für mich gewesen.
“Etwas Besonderes? Und trotzdem hast du Schluss mit mir gemacht?”
Immerhin habe sie doch mit einem anderen herumgeknutscht und damit nicht mehr ... ich suchte nach den richtigen Worten.
“… Nicht mehr ausschließlich Deins gewesen?”, versuchte sie meinen Satz zu vervollständigen. “Meinst du das? Wertlos? Weil ein anderer Mann mich berührt hatte?”
Wie idiotisch das klang.
Was hätte sie denn gemacht, wenn ich mit einer Anderen herumgeknutscht hätte, fragte ich sie.
“Naja. Ich hätte zuerst ihr und dann dir die Augen ausgekratzt”, sagte sie trocken. “Bildlich gesprochen. Aber ich hätte dich deswegen nicht verlassen.”

Eine seltsame Vertrautheit machte sich in mir breit. Wenn sie sprach erkannte ich ihre Mimik, ihre Gestik. Wie sie ihre Hände einsetzte. Ihr Lachen. Das Aufleuchten in ihren Augen, wenn sie erbost oder belustigt war. Wenn ich mich nur auf ihre jugendlich helle Stimme konzentriert, fühlte ich mich in die Vergangenheit versetzt, als wir nächtelang miteinander gesprochen und diskutiert hatten.
Aufblickend aber spiegelte sich mein altes Gesicht in ihren Brillengläsern.
Wir seien damals so jung gewesen, sagte ich zu ihr. Und hätten es nicht besser gewußt.
“Und jetzt sind wir alt und wissen es immer noch nicht besser”, antwortete sie.

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