Sexuelle Belästigung

„Neun von zehn Frauen wollten das doch so“, verteidigte sich Hecker. Sie wissen nicht, wer Hecker ist? Klaus Hecker wurde im März 1983 als Abgeordneter der Grünen in den Bundestag gewählt, schied allerdings bereits im August 1983 wieder aus. Grund: er war der “Busengrabscher” – so wurde er damals in “BILD” betitelt – und einer der ersten Politiker und oder Prominenten, die wegen sexueller Belästigung das Feld räumen mussten. lange vor Weinstein, Spacey, Louis C.K und Al Franken.

„Neun von zehn Frauen wollten das doch so“, hatte Hecker damals gesagt. Als ich damals, 1983, Heckers Verteidigung las, erschien mir diese Aussage bemerkenswert spezifisch. “Neun von zehn”, das klang nicht zufällig. Das klang nach viel Erfahrung. Mit soziologischem und statistischem Basiswissen ausgestattet, beschloss ich damals, diese Aussage durch eine eigene Feldstudie und Versuchsreihe empirisch zu verifizieren.

Mein erstes Testperson war meine damalige Freundin. Ich schlich mich von hinten an – und grabschte. Die Ohrfeige, die ich mir dadurch einhandelte, trug ich getreulich in mein Testprotokoll, das ich auf einem Klemmbrett befestigt hatte ein. Offenbar war ich gleich zu Anfang auf die Zehnte, getroffen, die nicht begrabscht werden wollte. Was für ein Zufall! Wohlgemut näherte ich der nächsten Testperson, der älteren Schwester meiner Freundin. Hier versuchte ich spontal und frontal zu Grabschen. Sie rammte spontal und frontal ihr Knie in meine Intimregion, was mir Zeit gab, den Ansatz meiner Feldstudie zu überdenken.

Grabschen mag harmlos klingen. Trotzdem ist Grabschen jeglicher Art nicht nur eklig, sondern seit 2016 strafrechtlich relevant. §184i StGB sagt:
“Wer eine andere Person in sexuell bestimmter Weise körperlich berührt und dadurch belästigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft, wenn nicht die Tat in anderen Vorschriften mit schwererer Strafe bedroht ist. “.
Insofern bräuchte man keine weiteren Worte und Gedanken daran verschwenden: Seit 2016 ist Busengrabschen strafbewehrt. Alles klar. Allerdings heißt in §184i Absatz 3: “Die Tat wird nur auf Antrag verfolgt”.
Jeder, der jemals bei der Polizei eine Anzeige gemacht hat – und sei es nur, um den Verlust des Geldbeutels zu reklamieren- kann sich vorstellen, dass viele Opfer sexueller Belästigung diesen Weg scheuen; umso mehr, wenn das Opfer in einem Abhängigkeitsverhältnis mit dem Täter steht.
In einer repräsentativen Untersuchung des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2010 gaben fast 60 Prozent der befragten Frauen an, Erfahrung mit sexueller Belästigung gemacht zu haben – oft am Arbeitsplatz. Jede zweite dieser Frauen berichtete, sie habe schon einmal Angst um ihre Sicherheit gehabt und sich ernsthaft bedroht gefühlt. Manche Frauen hatten sogar panische Angst davor, zur Arbeit zu gehen. „Tatsächlich ist in den meisten Fällen ein großes Machtgefälle zwischen Tätern und Opfern zu beobachten“, heißt es in der Studie, „besonders oft werden Abhängigkeitsverhältnisse ausgenutzt.“
Männerphantasien.
In seiner so betitelten Dissertation betrachtete der Literaturwissenschaftler Klaus Theweleit Ende der 70er Jahre die Freikorps-Literatur der 1920er-Jahre und stellte fest, dass Männer nur drei Typen Frauen kennen: Mutter, Krankenschwester und Hure. Männer seien, so Theweleit, „nicht-zu-Ende-geborene“ Menschen, die ihre frei fließenden Gefühle im Körperpanzer einzukesseln trachteten. Dies gelinge ihnen, indem sie einerseits die Phantasie von der heiligen, anständigen und hohen Frau entwickelten, der sie alles Sexuelle nahmen und denen andererseits alles Sexuelle nur als abhängiges, gewalttätiges, eben als hurendes Verhältnis sahen. Man kann zu Theweleits Thesen stehen wie man will, es scheint gesichert, dass das Verhältnis von Männern zu Frauen über Jahrhunderte und Jahrzehnte von ökonomischer Abhängigkeit und ausgenutzer Unterschiede körperlicher Kraft geprägt war.
Seitdem hat sich viel getan.
Einerseits.
Die feministische Debatte ist an keinem Mann spurlos vorübergegangen; Schritt für Schritt wurden Gesetze geschaffen, die eine Gleichberechtigung von Mann und Frau zumindest legal festschreiben; zumindest theoretisch unterliegt das Fortkommen und Wohlergehen von Frauen nicht mehr anderen Regeln, als das von Männern.
Insofern mag es verwundern, dass gerade jetzt Klagen über sexuelle Belästigung von Frauen zuzunehmen scheinen. Denn: wenn es wahr ist, was das Bundesfamilienministerium in seiner Umfrage 2010 herausfand – bei den meisten Fällen sexueller Belästigung liegt ein großes Machtgefälle zwischen Tätern und Opfern vor – wenn das also wahr ist: wie kann es zu einer Zunahme der sexuellen Belästigung in der heutigen, gleichberechtigten – Zeit kommen? Ja, wie?
Ich habe zwei Gedanken dazu. Zum einen gibt es trotz legaler Gleichberechtigung der Geschlechter jede Menge abhängiger Verhältnisse, die ausgenutzt werden können, am Arbeitsplatz, in Schulen, in Familien.
Zum anderen gibt es genügend Männer, die bereit sind diese Abhängigkeiten nicht nur zu dulden, sondern auch auszunutzen. Trotzdem ist die Zunahme der Berichte über sexuelle Belästigungen an sich ein gutes Zeichen: es bedeutet, dass Frauen sich eher wehren, oder vielleicht besser: sich eher wehren können.
Ich gehe gerne nachts, in der Dunkelheit spazieren, oft auch mit Kamera. Immer wieder kommt es vor, dass eine Frau, die mir in einer dunklen Gasse entgegenkommt, die Straßenseite wechselt. Ich nehme ihre Ängstlichkeit nicht persönlich. Woher soll sie auch wissen, dass ich das Grabschen vor mehr 30 Jahren aufgegeben hatte. Trotzdem freue ich mich auf die Zeiten, wenn Frauen und Männer furchtlos aneinander vorbeigehen können.

Hallo Neues Jahr

Hältst dich ja ziemlich bedeckt und hast auch schon Regen mit gebracht. Du mußt zugeben: das war kein guter Einstand!
Wenigstens anklopfen hätest du können, anstatt einfach so das alte Jahr mit Kanonendonner und Blitzen abzusetzen, von einer Sekunde zur anderen. Ohne zu fragen.
 
Ich fand das alte Jahr nämlich gar nicht so schlecht und hätte es vielleicht gerne noch etwas länger gehabt. Da wußte man wenigsten, woran man war. Mit dem alten Jahr.
Wir hatten uns gut aneinander gewöhnt. Das alte Jahr und ich. Wie ein eingespieltes Team rissen wir Tag auf Tag vom Kalender. Das alte Jahr und ich.
 
Aber Du?
Versprichst das Blaue vom Himmel! Versprichst Frühling, Sommer, Herbst und Winter, sonnige Tage und laue Nächte, Weltfrieden und vielleicht sogar eine weiße Weihnacht!
Wer soll dir das denn glauben?
So viele Versprechen wurden schon gebrochen.
Ich vertrau dir nicht!
Zeig mir doch erstmal, was du so vorhast mit mir, bevor ich mich mit dir abfinde!
So einfach mache ich es dir nicht, neues Jahr!
Nur damit du’s weißt: Ich werde dich weiterhin skeptisch beobachten.

Rodgau Monotones in der Batschkapp

Wer kennt sie nicht, die Rodgau Monotones?
Die Antwort ist einfach: jeder der nach 1985 geboren ist und nicht aus Hessen stammt. In eben diesem Jahr, 1985, hatten sie ihren letzten bundesweiten „Hit“ –  „Hallo, ich bin Hermann“, traten bei Kuli’s „Einer wird gewinnen“ auf und spielten zum ersten -und letzten Mal- im ARD Rockpalast. Danach wurde es still um sie. Zumindest ausserhalb Hessens.

In Hessen jedoch bleiben sie laut. Damit meine ich: richtig laut. Bei meinem ersten Konzertbesuch 1984 rief ein Mann aus dem Publikum den Musikern zu: „Ihr seid zu laut!“ Und Henni rief zurück: „Wir sind nicht zu laut! Du bist zu alt!“

Im nächsten Jahr feiert die Band ihr 40 jähriges Jubiläum.  Die Konzerte gleichen inzwischen Generationen-Veranstaltungen; die Ur-Fans von damals  gehen mit ihren Kindern und ihren Enkeln zum Konzert und singen textsicher jede Nummer mit.

So auch beim diesjährigen Weihnachtskonzert der Rodgaus. Nach 40 Jahren Üben beherrschen sie ihre Instrumente. Vergessen ist der erste Auftritt in der Batschkapp, der -so geht die Sage – nach einer Stunde abgebrochen werden musste, weil der Band das Material ausging. Inzwischen spielen sie stundenlang, routiniert und vor allem – weil sie wissen, was das Publikum will -spielen sie immer nur dasselbe,  das aber gut.
Peter Osterwold und Kerstin Pfau haben Spaß am Mikrofon, die beiden Gitarristen, Ali Neander und Raimund Salg, daddeln ohne sich anzusehen waghalsige Unisono-Läufe,  Mob Böttcher am Schlagzeug wie immer sehr kompakt und Joky Becker für meinen Geschmack allzu unauffällig am Bass.  Zusammen mit dem Bläsersatz ergäbe das an sich eine runde Show.  Leider war der Sound schlecht, vorne in der ersten Reihe ebenso, wie in der Mitte oder hinten. Verwaschen. Unklar. Matschig. Schade.

Und es war zu laut.  Oder vielleicht werde ich einfach langsam zu alt.

Geschlechtsneutral

Die Geschichte begann harmlos:
für einen Werbe-Flyer sollte ich einen Teaser entwerfen, der in einem Absatz das Wesentliche des beworbenen Produkts zusammenfassen sollte. Das Produkt war eine Software für Verlagsvertreter. Hier ist mein Text, wie ich ihn bei der Besprechung vortrug:
Das Gespräch mit dem Buchhändler konzentriert sich auf Bücher und Inhalte; sys.mobil macht den Vertreter effektiver und erfolgreicher. Und für den Verleger bedeutet das: mehr Umsatz, bessere Präsenz im Buchhandel bei deutlich geringeren Kosten.
Nach dem ersten Lesen war die einhellige Meinung zustimmend. Ja, das könne man so übernehmen.
Nächstes Thema…
Doch hier räusperte sich meine Assistentin. Sie wisse nicht, begann sie vorsichtig, ob man das so formulieren dürfe. Im Buchhandel gäbe es mehr Buchhändlerinnen als Buchhändler. Und gäbe es nicht auch Verlagsvertreterinnen? Und Verlegerinnen?
Ok”, sagte ich, ihre Bedenken aufgreifend, wie es sich für einen guten Chef geziemt. Formulieren wir um:
Das Gespräch mit der Buchhändlerin und dem Buchhändler konzentriert sich auf Bücher und Inhalte; sys.mobil macht die Vertreterin und den Vertreter effektiver und erfolgreicher. Und für die Verlegerin und den Verleger bedeutet das: mehr Umsatz, bessere Präsenz im Buchhandel bei deutlich geringeren Kosten.
Stop!”, ruft der Grafiker. “Das ist zu lang! Das läuft aus der Textbox.
Jeder, der jemals mit Grafikern zusammengearbeitet hat, weiß: leg’ dich nicht mit ihm an! Du wirst den Kürzeren ziehen.
Also war die Frage nicht, wie machen wir die Textbox größer? , sondern wie machen wir den Text kürzer?
Warum nehmen wir nicht einfach immer die weibliche Form?”, so war ein Vorschlag. “Das Gespräch mit der Buchhändlerin konzentriert sich…. macht die Vertreterin effektiver … für die Verlegerin bedeutet das…
Und wo bleiben da die Männer?, polterte unser Firmenmacho.
Wie wäre es mit einem Binnen I “, fragte besänftigend ein Sitzungsteilnehmer.
Binnen I?”, fragte ich.
Ja klar! Binnen I” , so kam die Antwort. “BuchhändlerInnen, VertreterInnen, VerlegerInnen”.
Langsam nahm die Diskussion fahrt auf.
Oder wir nehmen die neutrale Form: Buchhandelnde, Verlagsvertretende, Verlegende? Dann würde der Text so lauten: Das Gespräch mit dem Buchhandelnden konzentriert sich auf Bücher und Inhalte; sys.mobil macht den Vertretenden effektiver und erfolgreicher. Und für den Verlegenden bedeutet das: mehr Umsatz, bessere Präsenz im Buchhandel bei deutlich geringeren Kosten.
Nääh!, war Meinung der Anderen.
Um die Situation zu entschärfen machte ich spaßeshalber den Vorschlag:
Wie wäre es, wenn wir einfach beim ursprünglichen Text blieben und die männlichen Formen mit einem * versähen? Buchhändler*… Vertreter* …. Verleger*. Dann könnte in einer klein gedruckten Fußnote am Ende des Flyers stehen: “ * Wir wissen natürlich um die Jahrtausende währende Benachteiligung und männliche Unterdrückung von Frauen und bedauern sie sehr. Leider gibt es in der Deutschen Sprache keine elegante Möglichkeit zumindest sprachlich Frauen und Männer auf eine Ebene zu stellen. Wir verstehen deshalb ‘Buchhändler’, ‘Vertreter’ und ‘Verleger’ als neutrale Form, die beide Geschlechter umfaßt, in dem Bewußtsein, dass gerade in der Buchbranche Frauen und Männer gleichgestellte Partner sind.”
Super, so machen wir’s”, war der Beschluss der Sitzungsteilnehmerinnen und -teilnehmer, bzw. den SitzungsteilnehmerInnen, bzw. den Sitzungsteilnehmenden.
Wieder räusperte sich meine Assistentin: Und was ist mit der Transgender-Community in der Buchbranche?” ….

Gedanken zur Buchmesse 2017

Eine Scherzfrage aus dem Literaturbetrieb lautete: „Wie macht man ein kleines Vermögen?“ Die Antwort: „Man nimmt ein großes Vermögen und gründet einen Verlag.“ So hatte Kurt Wolff, eine der großen Verlegerpersönlichkeiten irgendwann in den den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts geantwortet. Also vor knapp hundert Jahren.
Solange bin ich natürlich noch nicht im Buchhadel; es war für mich erst die die 27. Messe. Trotzdem merke ich dass sich im Lauf der Jahre und Jahrzehnte der Buchmarkt und damit auch die Buchmesse verändert hat.
 
Der Buchhandel ist eine kleine Branche. Der komplette Buchmarkt machte ausweislich der letzten Zahlen des Börsenvereins einen Gesamtumsatz von ca. 9 Mrd. Euro. Insgesamt. Alle Verlage und Buchhandlungen zusammen.
 
Amazon, größter Online Buchhändler und Gemischtwarenladen, macht in Deutschland mehr als 27 Mrd. Euro Umsatz – also mehr als dreimal soviel, wie der komplette deutsche Buchmarkt zusammen.
 
Das hat Konsquenzen: so freundlich Amazon nach aussen hin erscheinen mag, gegenüber Verlagen sind Amazons Konditionenforderung für viele Verlage ruinös.
 
Doch Amazon ist nicht der einzige „Big Player“, der im altmodischen deutschen Buchhandel eine Branche entdeckte, in der sich noch Rendite machen läßt.
Ein paar weitere Beispiele, an denen keiner im Buchhandel vorbei kommt:
 
* Thalia – der größte deutsche stationäre Buchhändler – gehörte bis vor kurzem der Douglas Holding (ja richtig: Douglas, den neben den Parfümerie-Filialen auch die Juweliere Christ gehören). Thalia wurde inzwischen von dem amerikanischen Investor Advent aufgemischt, geschliffen und stromlinienförmig gemacht und wieder verkauft.
 
* Libri, der größte Zwischen- und Buchgroßhändler, ist vollständig im Besitz von dem Kaffeeröster Tschibo, bzw der Unternehmerfamilie Herz.
 
* Bertelsmann, ein Konzern, der horizontal und vertikal alles abdeckt, was mit Medien zu tun hat, von Buch und Musik zu Film und Fernsehen.
 
Und über Allem schwebt wie eine dunkle Wolke Google.
 
Das Problem bei diesen „Big Playern“ ist nicht deren Größe und Marktmacht, sondern der unbedingte Wille zur Rendite. Während der Eingangs erwähnte Kurt Wolff, noch gewillt war Geld auszugeben um gute Bücher zu machen und gute Bücher zu verkaufen, wird heutzutage Geld ausgegeben um mehr Geld wieder einzunehmen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Bücher handelt, oder Kaffee, Schmuck oder Parfum.
Es geht nicht mehr darum, gute Bücher zu machen, sondern Bücher, die die Rendite erhöhen.
Den an den Fachbesuchertagen der Messe dominierenden Trägern von maßgeschneiderten Anzügen, geht es nicht mehr darum, gute Bücher zu machen und zu verkaufen. Sie haben den Aktienkurs und das nächste Quartalsergebnis im Sinn, ihr Blick geht kaum über den Tellerrand des Folge-Quartals hinaus.
Das hat Folgen:
* Reduzierung der Kosten. Das geht zu Lasten des Lektorats und der Herstellung. Ergebnis: schlechtere Bücher, mit Druckfehlern und schlechtem Satz in billiger Ausstattung. * Konzentration auf die Produktion von Bestsellern, mit dem Ergebnis von Verlagsprofilen, die kaum mehr unterscheidbar sind. Aufbau und Förderung junger Autoren findet kaum mehr statt.
* bei den Buchhandlungen: Konzentration auf den Verkauf von Bestsellern. Die Folge: Buchhandlungen werden immer monotoner und austauschbarer.
 
Darüber kann man lamentieren – aber so ist die Lage.
 
Umso mehr freue ich mich jedesmal wenn ich auf der Messe neue, kleinere Verlage sehe, die in diesem Umfeld ihre Nischen finden und gute Bücher machen.
Ein Beispiel dafür ist der Größenwahn Verlag aus Frankfurt, der so neu nicht mehr ist – er wird, wenn ich mich nicht täusche, bald 10 Jahre. Mit vielen Ideen und Aktionen ist er eine große Bereicherung der ausgedünnten Frankfurter Verlagslandschaft.
Den Macherinnen und Machern dieses Verlags wünsche ich tatsächlich im Kurt Wolff’schen Sinn ein großes Vermögen, um daraus ein „kleines Vermögen“ und gute Bücher zu machen.
 
 

Paul Watzlawicks Hammer. Ein Essay über Kommunikation auf Facebook.

Als 1983 Paul Watzlawick seine „Anleitung zum Unglücklichsein“ entwarf, war das Internet noch in weiter Ferne und noch ferner war der Gedanke an Facebook. Und doch, immer wieder, wenn ich heute durch mein Facebook blättere und mich mit Menschen in Facebook unterhalte (also schreibe), denke ich an Watzlawick und seine „Anleitung“.
 
Watzlawick beschreibt, wie und mit welchen Methoden wir Menschen es schaffen, uns selbst das Leben schwer zu machen, indem wir unsere eigene Interpretation unserer Wahrnehmungen mit der Realität verwechseln.
Die Beispiele, mit denen Watzlawick seine Thesen illustriert, wirken heutzutage eher altbacken und bieder. Eine bekannte Parabel aus dem Buch ist Die Geschichte mit dem Hammer. Sie geht so:
Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar ihm den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er ihn nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen ihn. Und was? Er hat ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von ihm ein Werkzeug borgen wollte, er gäbe es ihm sofort. Und warum sein Nachbar nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen ausschlagen? Leute wie der Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet der Nachbar sich noch ein, er sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht’s ihm aber wirklich. Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er „Guten Morgen“ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: „Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!“
 
Würde Paul Watzlawick heute die „Anleitung“ schreiben, ich bin mir sicher, er würde auch die typische Facebook-Kommunikation beschreiben. Gerade die Schriftlichkeit in Facebook verführt zu Interpretationen. Nur den Wenigsten von uns ist es möglich, sich schriftlich in einer Eindeutigkeit zu äussern, die der Interpretation keinen oder zumindest wenig Raum gibt. Und: ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber ich selbst mache mir von meinen Schreibpartner, sofern ich sie nicht persönlich kenne, durchaus ein Bild, ein Bild, das natürlich von meiner Interpretation seiner Worte gefärbt.
Das ist per se kein Problem und nichts Schlechtes.
Problematisch wird es vermutlich erst dann, wenn die eigene Wahrnehmung des Anderen und die eigene Interpretation dieser Wahrnehmung als Realität genommen werden, anstatt als das was sie sind: hinterfragbare Interpretationen der eigenen Wahrnehmung.
Anlaß meiner Gedanken ist Folgendes:
Gestern Abend saß ich auf dem Balkon. Im Glastisch spiegelte sich der Bad Homburger Schlossturm und der abendliche Himmel. Es sah so aus, als würde sich der Himmel in einem See spiegeln. Das fand ich schön und interessant genug, um es zu fotografieren und auf Facebook unter dem Titel „evening mood“ zu posten.
Ein Kommentator schrieb zu diesem Bild, er hätte den schwarzen Balken kleiner gemacht.
Ich antwortete auf dem Kommentar: „Wie meinst du das?„. Denn ich konnte keinen schwarzen Balken entdecken.
Am nächsten Morgen fand ich eine persönliche Nachricht vom Kommentator im meinem Postfach:
Möchtest Du sehen, was ich meine? Zum Verständnis: ich habe Facebook immer als ein Medium der Koperation angesehen und habe mich immer dafür angeboten und Angebote aufgegriffen
Ich schrieb zurück: Hallo xy. Das ist doch nur ein Foto! Ich hab kein Interesse daran, es „besser“ zu machen. Sicherlich hättest du ein anderes, besseres Foto gemacht.
Seine Antwort ließ nicht lange auf sich warten.
Sie begann mit: Ich habe alles gelöscht, schon vor dieser Deiner Nachricht. […] Tut mir Leid, dass ich da so „dazwischengefunkt“ habe. Soll auch nicht wieder passieren. Facebook ist eben kein Raum für fachlichen Austausch in Sachen Fotografie, auch in anderen Hinsichten nicht. Da geht es hauptsächlich bis ausschließlich um das Zuteilen von Likes.“ [… und dann ging es weiter:] “ Okay. Du kannst mich gerne blockieren, um gleichermaßen „Schlimmes“ oder gar Schlimmeres von Dir fernzuhalten… […und endete mit:] Sei’s drum. Du musst Dich ums Blockieren nicht mehr kümmern.“
Und er hat mich blockiert.
Eine rasante Gedankenfahrt vom Ausgangspunkt mir zu besseren Fotos verhelfen zu wollen bis zum „ich blockiere dich“ in ca. 200 Worten.
„Ich blockiere dich“, das scheint die moderne Variante zu sein von „Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!“
Dass er mich blockierte stört mich dabei nicht.
Was mich aber dabei nachdenklich machte: ich kenne das von mir selbst, mir -speziell auf Facebook – ein Bild von einem Menschen zu machen, und dieses Bild von diesem Menschen mit dem Menschen selbst zu verwechseln. Dieser Vorfall ermahnt mich wieder einmal, mich und meine Interpretationen meiner Wahrnehmung nicht so ernst zu nehmen und jedem Menschenbild in meinen Gedanken genügend Raum für Wachstum und Veränderung zu geben.

Verlorene Fragmente des August

Der Geist
Der Geist offenbart sich
durch Blicke und Worte
Denn die Seele ist unsere Bleibe,
unsere Augen sind ihre Fenster
und unsere Lippen ihre Boten.

Du
Du bist die Melodie,
die in meinen Träumen schwebt,
der sanfte Gedanke,
der sich nicht fassen lässt.

Gib nicht auf!
Gleiche nicht jener,
die am Kamin sitzt und wartet,
bis das Feuer ausgeht,
und dann umsonst
in die erkaltete Asche bläst.
Gib die Hoffnung nicht auf,
und verzweifle nicht
wegen vergangener Dinge!
Denn Unwiederbringliches zu beweinen,
ist eine der Schwächen des Menschen.

Nächtliches Spiel
Im warmen Lampenschimmer
sinken meine Augen nieder
während du mir
nackt entgegen trittst.
Nicht mehr in jugendlichem Ungestüm
umschmeicheln unsere herbstlichen Körper
sich einander
langsam und bedächtig
entwickelt sich der Sturm
Wogen um uns
Brausen!
Die Wände tauchen!
Raum!
Nur
Du!